30. OKTOBER 2009

Bahnhofsmissionsstatistik 2008 ausgewertet

Hilfen für junge Erwachsene stark gestiegen

Heranwachsende junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren geraten offenbar zunehmend an den gesellschaftlichen Rand bzw. ins gesellschaftliche Abseits, ihr Anteil unter den Hilfesu­chenden der Bahnhofsmissionen ist 2008 rapide angestiegen. Im vergangenen Jahr betrug ihre Anzahl über 335.000. Das entspricht einem Zuwachs gegenüber dem Vorjahr von fast 70%. Zwei von fünf von ihnen waren sozial mehrfach belastet, 30% hatten finanzielle Schwierigkeiten und fast 9% wiesen akute psychische Probleme auf. 


Damit deutet sich auch in der Bahn­hofsmission ein Trend, an den Experten aus Jugend- und Erzie­hungshilfe seit längerem voraussagen. "An einer erfreulicherweise weiter sinkenden Nachfrage durch Kinder und Jugendliche merken wir, wo die jugendpolitischen Akzente der vergangenen Jahre gesetzt und wo Versäumnisse begangen wur­den", erläutert Christian Bakemeier, Ge­schäftsführer der Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission (KKBM). "Während besonders im Bereich der Hilfe für Kinder und Familien erheblich in den Ausbau und die Qualifikation der In­frastruktur investiert wurde, sind Einsparungen vornehmlich auf Kosten der Hilfen für mehrfach belastete junge Erwachsene realisiert worden."

 

Heranwachsende erhalten trotz bestehenden Bedarfs häufig keinen Zugang zu Leistungen der Jugendhilfe mehr, sondern werden auf Fördermaßnahmen der Arbeitsagenturen oder der örtli­chen Argen verwiesen. Nach Angaben des DGB waren im Sommer 2008 in Deutschland eine Mil­lion Menschen zwischen 15 und 24 Jahren auf Leistungen nach dem SGB II ("Hartz IV") angewie­sen. Das Armutsrisiko dieser Gruppe ist fast durchgängig höher, als in den anderen Altersgrup­pen. Es verwundert also nicht, dass die jungen Menschen sich nun auch vermehrt an die Bahn­hofsmissionen wenden, um Hilfen bei der Bewältigung von Krisen zu suchen oder ihre Existenz abzusichern.

 

Bakemeier wies auf den hohen Anteil der jungen Männer unter den Betroffenen hin. Über 50% der männlichen Heranwachsenden wiesen mehrere soziale Beeinträchtigungen auf und fast 40% hatten finanzielle Schwierigkeiten. Die Belastung der jungen Frauen lag in beiden Bereichen ca. 10% darunter.

 

Michael Lindner-Jung, Leiter der Bahnhofsmission in Würzburg bezeichnete die Zunahme des Hilfebedarfs bei den Heranwachsenden als alarmierend. Er forderte die Bahnhofsmissionen auf, die Probleme vor Ort offensiv zu benennen und ihre Funktion als "Drehscheibe" in die örtlichen Hilfesysteme für junge Menschen noch besser zu nutzen.

 

Hilfen für Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten bilden traditionell einen großen Anteil unter den Hilfesuchenden der Bahnhofsmission. Während die Zahlen bei den jungen Er­wachsenen deutlich angestiegen sind, ist die Entwicklung in den anderen Altersgruppen leicht rückläufig; der Anteil an den Gesamtkontakten beträgt seit Jahren stabil 40%.

Höhere Vermittlungszahlen, wieder Anstieg der Essensausgaben

Heike Spielmann-Fischer, Leiterin der Bahnhofsmission Hagen zeigte sich erfreut, dass die Ver­mittlungstätigkeiten der Bahnhofsmission an andere Hilfeeinrichtungen stark zugenommen ha­ben: "Den Bahnhofsmissionen gelingt es offenbar immer besser, ihren Anspruch der niedrig­schwelligen Hilfe und der zügigen Weitervermittlung an spezialisierte Fachdienste zu verwirkli­chen." Die Vermittlungstätigkeit an andere Fachdienste wurde bundesweit um 70% gegenüber dem Vorjahr gesteigert und auch Vermittlungen unter den Bahnhofsmissionen nahmen mit 27% deutlich zu.

 

Aufgrund der Statistikumstellung nicht eindeutig zu belegen sind die Ursachen der insgesamt stark zurückgegangenen materiellen Hilfen. Diese beliefen sich nur noch auf ca. 54% des Vorjah­reswertes.

 

"Einerseits nehmen wir erfreut zur Kenntnis, dass die weggefallene Zählung der ausgegebenen Getränke nicht zum befürchteten Einbruch der Gesamtzahlen geführt hat", deutet Michael Lind­ner-Jung die Entwicklung, "andererseits ist anzunehmen, dass die gezählten materiellen Hilfen fast ausschließlich ausgegebene Essensrationen dokumentieren. Wir müssen feststellen, dass die zunehmende Armut in unserem Land sich auf die Gästestruktur der Bahnhofsmission aus­wirkt und immer mehr Menschen unser Angebot nutzen, um sich mit Nahrungsmitteln zu versor­gen."

 

Es sei deutlich spürbar, dass viele Empfänger sozialer Transferleistungen große Schwierigkeiten hätten, mit ihrem Geld einen ganzen Monat zu haushalten. Besonders zum Monatsende steige die Anzahl der ausgegebenen Essen deshalb regelmäßig an.

Psychische Erkrankungen weiter ein Problem, Kriseninterventionen haben zugenommen.

Der Anstieg der Anzahl von Gästen mit akuten psychiatrischen Erkrankungen oder in akuten psy­chischen Krisen hat sich im vergangenen Jahr fortgesetzt. Die Steigerungsrate gegenüber 2007 betrug fast 30%. Besonders Männer im Alter von 27-65 Jahren sind betroffen. Sie machen über 57% aller gezählten Fälle aus. Die besondere Belastung dieser Gruppe ist häufig zurückzuführen auf Mehrfachbeeinträchtigungen wie Abhängigkeitserkrankungen in Kombination mit anderen psychiatrischen Krankheitsbildern und materieller Armut.

 

Obwohl eine Vergleichbarkeit mit den Vorjahren nur bedingt gegeben ist, fällt die Zahl der inten­siven Beratungsgespräche und der Kriseninterventionen des Jahres 2008 auf. Im Schnitt zwölf dieser Gespräche pro Tag und Bahnhofsmission zeugen von einem gestiegenen Bedarf, aber auch von einer gewachsenen sozialpädagogischen Kompetenz der Mitarbeitenden. Hier zeigen sich u.a. die Effekte eines an diesen Bedarfslagen ausgerichteten Fortbildungsprogramms der Bahnhofsmission.

Bahnhofsmissionen bieten Aufenthalt und Schutz für Reisende

Neben der Hilfe für sozial Benachteiligte bilden die Hilfen für Reisende und im Reiseverkehr den zweiten großen Schwerpunkt der Arbeit der Bahnhofsmissionen. Über 660.000 Personen nah­men die Hilfe der Bahnhofsmission im vergangenen Jahr in Anspruch. Dabei wurden ca. 430.000 Hilfen im Reiseverkehr geleistet und mehr als 230.000 Hilfen, die in mittelbaren Zusammenhang mit der Reisetätigkeit standen.

 

Die von den anderen Nutzergruppen stark abweichende Alters- und Geschlechtsverteilung der Reisenden weist darauf hin, dass auch reisende Frauen die Infrastruktur der Bahnhofsmissionen gezielt nutzen. Vermutlich handelt es sich hierbei u.a. um alleinreisende Mütter mit Kindern, aber auch um Frauen mittleren und fortgeschrittenen Alters, die in der Bahnhofsmission einen siche­ren Aufenthaltsort suchen und finden.

 

Insgesamt nutzen reisende Männer (50,4%) und Frauen (49,6%) die Bahnhofsmissionen unge­fähr zu gleichen Teilen. Auffällig ist die große Zahl der über 65jährigen Männer, die mit fast 158.000 Personen die größte Teilgruppe der Reisenden bildete. Vermutet werden können hätte auch eine ausgeprägte Nutzung durch Frauen dieser Altersgruppe. Deren Interesse nimmt aber nach dem 65. Lebensjahr deutlich ab, während Mobilitätseinschränkungen ab diesem Alter er­heblich zunehmen.

 

Zu prüfen ist, ob die gemischte Gästestruktur der Missionen das Sicherheitsgefühl der reisenden älteren Frauen so beeinträchtigt, dass sie lieber fernbleiben. Hier stellen sich ggf. Anforderungen an eine zukünftige Milieu- und Angebotsgestaltung.

 

Überwiegend stabil sind die Zahlen im Bereich der Nutzung durch mobilitätseingeschränkte Per­sonen. Hier werden für den kommenden Auswertungszeitraum erste aussagefähige Ergebnisse zum Ausbau der mobilen Hilfeangebote erwartet. Etabliert ist schon seit Jahren der Kinderbe­gleitservice Kids on Tour, der auch im vergangenen Jahr erhebliche Zuwächse verzeichnen konnte. Die vernetzte Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn AG und anderen Einrichtungen im Bahnhof wird ebenfalls erstmals im kommenden Jahr dokumentierbar sein. Die Grundlage dafür bietet ein nochmals angepasster Erhebungsbogen, der sich seit dem 01.Januar 2009 in Anwendung befindet.

Fazit

Menschen, deren Leben von Armut und sozialer Benachteiligung geprägt sind, nutzen Bahnhöfe und das Bahnhofsumfeld weiter als bevorzugten Sozialraum, besonders wenn diese im Zentrum der Städte liegen. Die Steigerung der geleisteten Hilfen in fast allen Teilbereichen zeigt, dass Bahnhofsmissionen bei der sozialräumlichen Versorgung dieser Zielgruppe weiterhin dringend benötigt werden. Dieses spiegelt sich in höheren Vermittlungszahlen wieder, aber auch in einer gestiegenen Zahl der Menschen, die Bahnhofsmissionen als Aufenthaltsort nutzen.

 

In einer mobiler und älter werdenden Gesellschaft müssen sich die Bahnhofsmission auch zu­künftig keine Sorgen machen über eine sinkende Nachfrage ihrer zweiten großen Zielgruppe, der Reisenden. Mobilitätseinschränkungen werden zunehmen, der Bedarf an reisebezogenen Assis­tenzleistungen auch.

 

Insgesamt betrachtet stellt sich die Ent­wicklung der Kontakte bei einer leichten Steigerung der Zahlen stabil dar. Bei den Hilfeleistungen hat auch der umstrittene Wegfall des Statistik-Striches für die Tasse Kaffee nicht zu einem Einbruch der Zahlen geführt. Werden die Ergebnisse der Vorjahre um dieses Relikt bereinigt, ist ein deutlicher Ans­tieg der geleisteten Hilfen um mehr als 20% zu verzeichnen.

 

Es gelingt den Bahnhofsmissionen offenbar, sich als niedrigschwellige soziale Dienstleister mit kirchlichem Profil am Bahnhof zu behaupten. Bis jetzt stellen Sie sich erfolgreich der Aufgabe, in für die Bedürfnisse aller Hilfesuchenden gleichermaßen ansprechbar zu sein - trotz eines schwierigen, nicht gegenüber allen Zielgruppen gleichermaßen toleranten Umfeldes.


 
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