24. DEZEMBER 2009

Bahnhofsmission Zoologischer Garten hilft täglich hunderten Menschen

Ein Weihnachtsessen ist nicht selbstverständlich

BERLIN. Weihnachten findet dieses Jahr doch statt! Ursprünglich hatte sich Dieter Puhl jedoch große Sorgen gemacht. Denn die Sponsoren-Firma des alljährlichen Gänsebratenessens hatte dem Leiter der Bahnhofsmission Berlin am Zoologischen Garten abgesagt. Für mehr als 200 bedürftige Menschen drohte der 24. Dezember kein schöner Tag zu werden. Also machte Puhl sich auf, mühsam die fehlenden 1.400 Euro in kleinen Spenden zusammenzutragen. 

 

"Heiligabend ist hier immer ein riesiger Andrang", erzählt Puhl. "In drei Schichten servieren wir Gänsebraten mit Grünkohl oder Rotkohl. Dazu findet jeweils ein Gottesdienst statt." Deshalb war sich der 52-Jährige Sozialarbeiter sicher, dass diese Weihnachtsfeier einfach nicht ausfallen durfte. Denn die Menschen, die zur Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo kommen, sind fast alle sehr arm, viele haben nicht einmal ein Dach über dem Kopf.  Mehrere hundert von ihnen suchen täglich die Einrichtung der Berliner Stadtmission der Diakonie auf. Und das war ihr Weihnachtsfest!

 

Glücklicherweise ist die Unterstützung, die Puhl und die sieben anderen Hauptamtlichen von den Bürgern Berlins erhalten, ebenso enorm wie die Besucherzahlen. 80 Ehrenamtliche zwischen 17 und 83 Jahren leisten hier beeindruckende Hilfe für "Menschen am Rande des Randes der Gesellschaft", wie Puhl einen Großteil der Besucher beschreibt. Darüber hinaus gibt es unzählige Sachspenden: Von der älteren Dame, die zwei Päckchen Kaffee vorbei bringt; dem Verein "Polizisten für Obdachlose", der einmal im Monat eine Kleiderausgabe organisiert; oder von der Bäckerei, die Brötchen und Kuchen spendet.

Das Glück teilen

Drei Wochen vor Weihnachten kam ein Mann vorbei, der eigentlich nur schnell eine Tüte gebrauchter Anziehsachen für die Kleiderkammer abgeben wollte. Da es der erste Besuch des gepflegten älteren Herrn war, fragte Puhl ihn, ob er nicht zehn Minuten Zeit hätte. "Ich habe ihm die Bahnhofsmission gezeigt und wir haben darüber geredet, dass wir dringend warme Unterwäsche und Herrenschuhe Größe 46 bräuchten. Der Mann versprach, zu schauen, was er tun könne."

 

Gleich am nächsten Tag kam der Mann mit seiner Ehefrau zurück. "Ich hatte ihm auch von dem Gänsebratenessen erzählt und er sagte mir, dass er uns unterstützen wolle", erinnert sich Puhl und man spürt noch wie bewegt er ist, wenn er weiter erzählt: "Das Ehepaar hatte tatsächlich beschlossen, das gesamte Weihnachtsessen zu bezahlen. Denn weil es ihnen gut ginge, spürten sie die Verpflichtung, dieses Glück mit anderen Menschen zu teilen."

 

An solchen Tagen weiß Puhl genau, dass der Job, den er erst vor einigen Monaten übernommen hat, zwar schwierig, aber gleichzeitig eine große Bereicherung ist. Der gelernte Diplom-Sozialarbeiter und Diakon hatte sowieso eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was auf ihn zukam. Denn zuvor war er drei Jahr Bereichsleiter der Wohnungslosenhilfe Süd-West der Berliner Stadtmission. "Viele Menschen, die zur Bahnhofsmission kommen, haben gleich mehrfache Probleme: Alkohol und andere Suchtmittel, Heimaufenthalt, Straffälligkeit und schwere psychische Erkrankungen prägen ihr Leben. Manche kommen gleich mehrmals am Tag zu uns."

 
Langfristige Unterstützung ist das Ziel

Im Vordergrund der Arbeit stehen die Soforthilfen der Bahnhofsmission: Morgens zwischen sechs und sieben Uhr wird durch ein Fenster heißer Tee für die Menschen, von denen viele draußen zum Beispiel im Tiergarten übernachtet haben, gereicht. Dazu werden Brote mit Wurst und Käse ausgegeben, auch Joghurt und Obst gibt es. Vieles davon kommt von der Berliner Tafel. Abends von zehn Uhr bis Mitternacht spielt sich noch einmal das gleiche Szenario ab. Tagsüber können sich die Menschen in der Bahnhofsmission aufwärmen. So groß ist der Andrang, dass immer nur 60 bis 70 von ihnen für 45 Minuten bleiben können. Dann sind die nächsten dran.

 

Wichtig sind jedoch auch die Hilfeangebote, die auf langfristige Unterstützung angelegt sind. Beispielsweise das Angebot der Zentralen Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot, die drei Stunden in der Woche vor Ort in der Bahnhofsmission ist. Im Monat gelingt es so, bis zu 20 Menschen in Wohnprojekte zu vermitteln. Insgesamt ist die Bahnhofsmission in das Hilfenetz der Stadt Berlin eingebunden und kann Unterstützung in Notlagen wie Armut, Krankheit, Sucht oder Verzweiflung vermitteln. Auch seelsorgerliche Hilfe gehört natürlich zum Angebot der Bahnhofsmission, genau wie regelmäßige multikulturelle Andachten zum Beispiel mittwochs um vier vor vier.

 

"Alles in allem klingelt alle fünf Minuten jemand an der Tür, schellt alle zwei Minuten das Telefon", sagt Puhl. Menschen unterschiedlichster Nationen sind darunter, hier treffen viele Kulturen, Religionen und Nationalitäten aufeinander. Deshalb sind auch die Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen zum Teil mehrsprachig.

 

"Natürlich gibt es noch unzählige weitere Situationen, in denen wir versuchen, zu helfen. Der Mutter, die ihren Sohn sucht; Jugendlichen, die von zu Hause abgehauen sind; Menschen, die desorientiert sind." Darüber hinaus bietet die Bahnhofsmission auch Reisehilfen für Menschen mit Behinderungen und Ältere an. Für Reisende, die ihren Zug verpasst haben, gibt es 13 Notbetten. Die Reisehilfen machen aber nur einen kleinen Teil der Arbeit aus, denn seit der Eröffnung des neuen Berliner Hauptbahnhofs gibt es am Bahnhof Zoologischer Garten keinen Fernreiseverkehr mehr. In anderen Bahnhofsmissionen in Deutschland werden die Mobilitätshilfen viel stärker nachgefragt.

 

Die Probleme der Menschen rund um den Bahnhof Zoo sind so vielfältig wie das Leben. Es gibt unglaublich viel zu tun für die Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen der Bahnhofsmission. "Gemeinsam mit den anderen sozialen Dienstleistern tun wir mit den begrenzten Mitteln unser Möglichstes, um den Menschen ein klein wenig zu helfen", sagt Puhl. "Dazu sind Energie, Herzblut und ein gutes Stück Kreativität gefragt. Deshalb heißt unser Motto: "Geht nicht, gibt's nicht!"

 

 

 


 
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