1. MAI 2010

Die Bahnhofsmissionen sind Vorreiter gelebter Ökumene

Eine der ersten ökumenischen Einrichtungen feiert 100-Jähriges

Bei ihrer Gründung in den Jahren 1894 in Berlin bzw. 1895 in München kümmerten sich die evangelischen und katholischen Bahnhofsmissionen zunächst noch streng getrennt um die Hilfesuchenden. Es waren vor allem Frauen und Mädchen, die auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Städte strömten und an den Bahnhöfen strandeten. Bedroht von Armut, Ausbeutung und Zwangsprostitution waren sie dankbar für die unkomplizierte und tatkräftige Hilfe der engagierten Helferinnen der Bahnhofsmissionen.

 

Diese erkannten schnell, dass es für viele der hilfesuchenden jungen Frauen nicht von primärem Belang war, ob die Hilfe von einer katholischen Ordensschwester oder  einer evangelischen Diakonisse geleistet wurde. Wichtiger waren die tatkräftige Fürsorge und der Schutz der seelischen und körperlichen Unversehrtheit, die von beiden christlichen Hilfeeinrichtungen gleichermaßen geleistet wurde.

Obwohl die strikte Wahrung der Konfessionsgrenzen anfangs noch nicht in Frage gestellt wurde, rückten die evangelische und die katholische Bahnhofsmission im Laufe der Zeit  immer näher zusammen. Ökumenische Erfahrungen hatten die Bahnhofsmissionen bereits gesammelt: Auf gemeinsamen Plakaten wurden Mädchen und Frauen, die in die Städte kamen, vor möglichen Gefahren gewarnt und auf Hilfeangebote  der Bahnhofs-missionen hingewiesen.


Bei den christlichen Hilfeeinrichtungen führte das enge Zusammenwirken vor Ort  im Jahr 1910 zur Gründung einer landesweiten ökumenischen Arbeitsgemeinschaft,  der Interkonfessionellen Kommission für Bahnhofsmission. Der Vorläufer der heutigen Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission (KKBM) war eine der ersten ökumenischen Einrichtungen in Deutschland und wurde zu einem Vorreiter praktischer Ökumene.


"Wenn man schon christlich arbeiten will, warum nicht gemeinsam!" Mit diesen Worten bringt 1909 eine Beschwerde an den Central-Ausschuß die Motivlage bei der Zusammenarbeit über die Trägergrenzen hinweg auf den Punkt. Gemeinsam konnte die Hilfe überzeugender, effektiver und kostengünstiger organisiert werden. Gemeinsame Plakate dokumentieren, dass die die ökumenische Zusammenarbeit sich lange Zeit bis zu deren Verbot durch die Nationalsozialisten 1933 auch auf die jüdische Bahnhofshilfe erstreckte, - allerdings ohne gemeinsame Organisationsstruktur. Die Einführung des Kriteriums der "Hilfswürdigkeit" durch die Nazis, das ganze Bevölkerungsgruppen als "hilfsunwürdig" diskriminierte und von der Hilfe ausschloss, war für die kirchlichen Bahnhofsmissionen inakzeptabel und bedeutete von 1939 bis zum Kriegsende das vorläufige Ende der christlichen Bahnhofsmissionsarbeit.


Hilfe für Kriegsheimkehrer,  Interzonenreisende und Gastarbeiter
In den Nachkriegsjahren nahmen die Missionen ihre Arbeit umgehend wieder auf und leisteten für Millionen von Kriegsheimkehrern und Flüchtlingen unschätzbare Dienste. Ihnen folgten im Laufe der jüngeren Geschichte Interzonenreisende, Gastarbeiter, Asylbewerber und immer auch die Verlierer unserer Wohlstandsgesellschaft, die Wohnungs- und Arbeitslosen, die Einsamen und die psychisch Kranken.


Mit ihrem Hilfeangebot am Brennpunkt Bahnhof schreiben die Bahnhofsmissionen bis heute Kirchen- und Sozialgeschichte. Im Rahmen einer der ältesten ökumenischen Kooperationen auf dem Gebiet der offenen sozialen Arbeit geben die Diakonie mit ihrem Verband der Deutschen Evangelischen Bahnhofsmission und die Caritas mit ihrem Fachverband IN VIA Deutschland gemeinsame Antworten auf drängende soziale Fragen der jeweiligen Zeit. Die ökumenisch besetzte KKBM trifft als Spitzengremium auf Bundesebene alle strategisch wichtigen Entscheidungen für die Bahnhofsmissionen beider Kirchen.  Vor Ort engagieren sich evangelische und ein katholische Träger weiterhin gemeinsam für "ihre" Bahnhofsmission. Diese enge Partnerschaft gestaltet sich nicht immer ohne Konflikte, aber immer in der Überzeugung, dass ein glaubwürdiges Zeugnis der Kirchen (des christlichen Glaubens) im Angesicht der persönlichen Not der vielen Menschen nur ein gemeinsames Zeugnis sein kann.

 
In den Bahnhofsmissionen ist durch diese jahrelange ökumenische Praxis ein großer Schatz gewachsen. Denn ökumenisches Miteinander setzt die Kenntnis um die eigenen Wurzeln genauso voraus wie den Respekt vor den Überzeugungen des Anderen. Diese Grundhaltung spiegelt sich im wertschätzenden Umgang mit den Gästen der Bahnhofsmission wider und ist auch Kernpunkt des gemeinsamen Leitbilds: Bahnhofsmissionen sind offen für alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Kultur oder Religion.

Im Einsatz für die Armen und Benachteiligten, aber auch in Andachten und Gebeten, bei Festen und Veranstaltungen stehen evangelische und katholische Bahnhofmission seit 100 Jahren Seite an Seite. Tag für Tag. Das verbindet.


Die KKBM feiert ihr Jubiläum mit einem ökumenischen Gottesdienst auf dem Ökumenischen Kirchentag in München am 13. Mai 2010 um 18 Uhr. Außerdem werden ökumenische Aktionen und Gottesdienste am 17. April 2010, dem Internationalen Tag der Bahnhofsmissionen, in vielen der 100 Bahnhofsmissionen Deutschlands stattfinden.


 
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