6. JULI 2010

Busreise aus Nowosibirsk endet in Verzweiflung

Bahnhofsmission ist Anlaufstelle für Hilfesuchende aus Osteuropa

BERLIN/MÜNCHEN/KARLSRUHE. Die junge Frau aus Nowosibirsk war fünf Tage und fünf Nächte mit dem Bus unterwegs. Angekommen in Karlsruhe wollte sie als Haushaltshilfe arbeiten, um so ihrer Familie in Sibirien dringend benötigtes Geld schicken zu können. Doch die Angehörigen der pflegebedürftigen alten Frau wollten sie plötzlich nicht mehr beschäftigen, die Chemie stimme nicht. Ohne Lohn, ohne Aufenthaltsgenehmigung und ohne Deutschkenntnisse stand sie auf der Straße. „Geh zur Bahnhofsmission“, hatte ihr eine andere Russin geraten.

 

Dort hat sie Hilfe bekommen. Etwas zu essen und zu trinken, eine Übernachtung wurde organisiert, ein Busticket und Proviant für die Rückreise. Mit der Rückfahrkarte endet für viele Osteuropäerinnen die Suche nach Arbeit in Deutschland – oftmals nach einer Leidenszeit. „Die schlimme Situation der Frauen erinnert an die der Dienstmädchen früherer Jahrhunderte. Auch sie werden versteckt, ausgebeutet und allein gelassen“, erzählt Heidi Renner. Die Leiterin sitzt im Büro der Karlsruher Bahnhofsmission, in dem eine Karte von Osteuropa hängt. Die Mitarbeitenden wollen aber nicht nur genau wissen, wo die Besucherinnen herkommen. Sie arbeiten auch schon an einem Plan, wie sie die Situation verbessern können.

Reisefreiheit, aber keine Rechte

Verzweifelte Menschen aus Osteuropa stranden auch in der Bahnhofsmission München. Hier sind es vor allem Männer, zumeist aus Rumänien und Bulgarien. Seit dem Beitritt der Länder zur Europäischen Union dürfen sich deren Bürger zwar ohne Reisepass und Visum im gesamten EU-Gebiet frei bewegen. Auf dem Arbeitsmarkt unterliegen sie jedoch mehrjährigen Zugangsbeschränkungen. Schwarzarbeit beispielsweise als Erntehelfer beim Spargelstechen oder im Bau- und Reinigungsgewerbe sowie Prostitution oder Betteln sind die Folgen.
„Zu uns kommen täglich bulgarische und rumänische Männer mit den unterschiedlichsten Problemen“, erzählt Gabriele Ochse, Leiterin der Bahnhofsmission München. „Die Verständigung ist extrem schwierig, meist reden wir mit Händen und Füßen oder schalten ehrenamtliche Telefondolmetscher ein.“ So kann manchen gleich geholfen werden, wie dem Mann, der Fieber hat und keine Krankenversicherung, oder dem, der nach Hause möchte, aber Analphabet ist und keine Busfahrt für sich organisieren kann. Doch andere können nicht so einfach die notwendige Unterstützung bekommen. Die Männer, die um ihren Lohn betrogen wurden und keinen Arbeitsvertrag haben, oder diejenigen, die Beratung beispielsweise für Suchterkrankung oder Geld für ihre Miete benötigen, haben keinerlei Ansprüche auf Unterstützung. „Denn laut aktueller Rechtslage ist für mittellose EU-Bürger, die keine Leistungsansprüche über eine Beschäftigung mit Arbeitsvertrag erworben haben, das Herkunftsland die angemessene Hilfe“, erklärt Ochse. „Deshalb organisieren wir mehrmals täglich Rückfahrkarten für Reisebusse.“

Ohne Arbeit, Geld und Unterkunft

Besonders gut kennt Marie-Therese Reichenbach die Bedürfnisse der vielen Hilfesuchenden, die täglich bei der Bahnhofsmission Zoologischer Garten in Berlin ankommen. Die 26-Jährige ist verdutzte Blicke gewohnt. Schließlich ist es durchaus ungewöhnlich, dass eine Deutsche Lettisch und Litauisch spricht. Auch in Russisch kann sie sich verständigen. Nach der ersten Verwunderung folgt die Erleichterung: Denn oft ist sie die einzige, die mit den Menschen aus Osteuropa richtig reden kann.
„Für die anderen Mitarbeitenden ist es oft schwierig, überhaupt herauszufinden, aus welchen Ländern die Menschen stammen“, sagt Reichenbach. Wenn die hauptamtliche Mitarbeiterin im Dienst ist, dann sind ihre Sprachkünste gefragt und sie muss oft dolmetschen. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass viele Osteuropäer nicht in die Heimat zurückkehren wollen, selbst wenn sie in Deutschland keinen Job, kein Geld und sogar kein Dach über dem Kopf haben.
„Oft hat die Familie im Heimatland ihr ganzes Geld zusammengelegt, um einem Angehörigen die Fahrt nach Deutschland zu ermöglichen“, erzählt sie. „Die schämen sich dann und trauen sich nicht mehr zurück.“ Manche zögen es sogar vor, in Deutschland auf der Straße zu leben, statt in ihrer Heimat. Wie der Mann aus Riga, der seit Monaten zur Bahnhofsmission kommt. Reichenbach hat er am Anfang anvertraut, dass er die Geschichte seines deutsch klingenden Nachnamens herausfinden möchte, vielleicht noch Verwandte auftreiben. Sie hat ihm geholfen, E-Mails an die entsprechenden Stellen zu schreiben. Bis heute wartet er auf die Antwort, lebt auf der Straße und kommt vorbei, um sich an einem Tee aufzuwärmen.

Von Lebenskünstlern lernen

Reichenbach, die unter anderem baltische Sprachen und Kultur studiert hat, ist fasziniert von ihrer Arbeit in der Bahnhofsmission; nicht nur, weil sie viel lernen und gleichzeitig Gutes tun kann. „Hier erlebe ich das Leben in all seinen Facetten. Vor den Menschen, die zu uns kommen, habe ich Respekt und Hochachtung. Viele von ihnen sind Lebenskünstler. Von der Art und Weise, wie sie mit ihrer schwierigen Situation umgehen, kann man viel lernen.“
Die Arbeit der Bahnhofsmissionen in Deutschland hat sich seit ihrer Gründung vor mehr als hundert Jahren schon immer an den sozialen Problemen und Bedürfnissen der Zeit orientiert. Die Menschen aus Osteuropa, die so dringend Unterstützung brauchen, sind eine der neuen Herausforderungen für die mehr als 2.000 Mitarbeitenden an hundert Orten in Deutschland. Die Träger der Bahnhofsmissionen – Diakonie, IN VIA und Caritas – kümmerten und kümmern sich um die Opfer der Kriege, Flüchtlinge, Heimkehrer, Inter-zonenreisende, Gastarbeiter, Bedürftige, Arbeitslose, Wohnungslose oder Menschen mit psychischen und körperlichen Beeinträchtigungen.

Gegründet wurden die Bahnhofsmissionen ursprünglich, um die vielen Frauen und Mädchen zu unterstützen, die damals auf der Suche nach Arbeit in die Städte strömten. Deshalb schließt sich für Heidi Renner in Karlsruhe mit dem Einsatz für die Haushaltshilfen aus Osteuropa wieder ein Kreis. Die Mitarbeitenden der Bahnhofsmission haben sich zum Thema fortgebildet und Fachleute beispielsweise aus Politik, Altenarbeit und osteuropäischen Missionen ins Boot geholt, um das Projekt „Cosmobile Haushaltshilfen“ ins Leben zu rufen. Die 60-Jährige wirkt kämpferisch, wenn sie sagt: „Wir wollen auf diesen Missstand aufmerksam machen und etwas dagegen setzen. Die Frauen müssen unter humanen Bedingungen leben können.“


 
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