5. JULI 2011

Gut gewappnet für den Nachtdienst am Bahnhof

Umgang mit Konflikten gehört zur Arbeit - tätlicher Angriff ist absoluter Einzelfall

WÜRZBURG. „Wir haben lange im Team darüber gesprochen. Alle waren sich einig, dass die nächtlichen Rundgänge am Würzburger Bahnhof weiter stattfinden werden“, sagt Philipp Singer, Nachtdienstleiter der dortigen Bahnhofsmission. Der gewalttätige Angriff auf einen Kollegen im März sei ein Einzelfall  gewesen, Wiederholung sehr unwahrscheinlich. „Viele Menschen benötigen nachts unsere Unterstützung. Wir sind dann neben der Polizei die einzige Anlaufstelle in Würzburg an die sich vor allem Frauen in Notsituationen wenden können.“

Die Nachtdienstmitarbeiter der Würzburger Bahnhofsmission, wissen genau, worauf sie sich einlassen. „Wir werden sehr gut auf die Arbeit vorbereitet und dabei begleitet. Ich fühle mich gut gewappnet“, sagt Markus Heindl. Obwohl der 23-Jährige Opfer des besagten Angriffs geworden ist, hat er keinerlei Zweifel an seiner Aufgabe. „Der Mann hat mich von hinten angegriffen, dann versucht auch von vorne zuzuschlagen. Glücklicherweise war er sehr alkoholisiert und ich konnte seine Schläge abwehren. Außer blauen Flecken ist mir nichts passiert“, beschreibt er den Vorfall. Er ist sich sicher: „Das hätte jeden treffen können, der am Bahnhof unterwegs war. Das hatte nichts mit meiner Tätigkeit für die Bahnhofsmission zu tun“. Der Pädagogik-Student geht souverän mit dem Vorfall um und wird auf jeden Fall weiter nachts im Einsatz sein.

Pädagogisches Vorwissen hilfreich

Das liegt wohl auch daran, dass die Bahnhofsmission Würzburg im Nachtdienst nur Mitarbeiter einsetzt, die die notwendigen Voraussetzungen mitbringen. „Alle Nachtdienstler verfügen über pädagogisches Vorwissen zumeist aus ihrem Studium“, sagt Singer. Der 29-Jährige ist selbst Diplom-Pädagoge. „Nach einem ersten Gespräch stehen für die Interessenten zuerst einmal 14 Probedienste tagsüber an. Erst dann startet der Nachtdienst.“

Das Team von sechs bis sieben Nachtdienstlern besteht ausschließlich aus jungen Männern. Immer einer ist von 21 Uhr abends bis 7.30 Uhr morgens vor Ort. Neben der Präsenz in der Bahnhofsmission gehört ein regelmäßiger Rundgang durch den Bahnhof zum Ablauf. Ein wichtiger Teil der Arbeit sind zudem Dienstbesprechungen mit Erfahrungsaustausch und gegenseitigen Beratungen genau wie Fortbildungen beispielsweise zum Umgang mit Aggressionen und Konflikten. Bei Bedarf können Supervisionen in Anspruch genommen werden. Brenzlige Situationen gibt es häufiger, sowohl tagsüber als auch nachts, aber fast immer können diese verbal gelöst werden.

Nachtdienst in Würzburg unverzichtbar

Den Nachtdienst in Würzburg halten die Mitarbeiter für unverzichtbar. „Rund um die Uhr kümmern wir uns hier um Menschen in sozialen Notlagen“, sagt Singer. „Vor allem am Wochenende und nachts sind wir Anlaufstelle für Frauen in schwierigen Situationen. Sie können in der Bahnhofsmission übernachten und wir stellen den Kontakt zu Frauenhäusern her. Zudem sind wir am Wochenende Anlaufstelle für Jugendliche aus dem ganzen Landkreis Würzburg.“

„Der Angriff kam so überraschend, den hätte man nicht verhindern können“, ist sich Heindl sicher. Trotzdem hat sich das Team überlegt, ob der Umgang mit Gewaltsituationen noch verbessert werden könnte. „Wir wollen noch aufmerksamer sein, gewaltbereiten Gruppen mehr aus dem Weg gehen. Und wir müssen uns bewusst machen, dass die blaue Bahnhofsmissions-Weste keine ausreichende schützende Signalwirkung hat“, fasst Heindl zusammen. Darüber hinaus werden künftig alle immer ein Diensthandy dabei haben sowie ein Pfefferspray, das gegen Menschen eingesetzt werden darf. In Kürze steht außerdem ein Selbstverteidigungskurs, den die Bundespolizei durchführt, auf dem Programm.

„Alle sind sich aber bewusst, dass das Risiko eher gering ist“, sagt Singer. Er ist überzeugt, dass der Bahnhof keine gefährlicherer Ort geworden ist, obwohl die umfangreicher gewordene Berichterstattung der Medien über Gewalttaten dies vermuten ließe. „Sehr berührt hat uns allerdings, dass niemand der rund 15 Tatzeugen am Bahnhof eingegriffen hat.“


 
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