5. JANUAR 2012

2010: Mehr als fünf Millionen Mal geholfen

Was Sozialverbände und Forschungsinstitute schon seit längerem als Trend vermelden, spiegelt sich nun auch in der Bundesstatistik der Bahnhofsmissionen für das Jahr 2010 wider: Die Gruppe der jungen Erwachsenen ist sowohl in der Gesamtheit als auch in sozial besonders belasteten Gruppen deutlich angewachsen. Nach einer Beruhigung im Jahr 2009 setzte sich diese erstmals in 2008 zu verzeichnende sprunghafte Entwicklung im Jahr 2010 fort. Die größten Steigerungsraten waren bei den psychisch und körperlich Kranken zu verzeichnen, aber auch bei den Personen in wirtschaftlichen Notlagen gab es im Vergleich zu den anderen Altersgruppen starke Zuwächse.

Junge Erwachsene sind damit die Verlierer des gesellschaftlichen Wandels. Im Verhältnis zu anderen Bevölkerungsgruppen tragen sie mit 22,4 Prozent ein fast doppelt so hohes Armutsrisiko wie die Gruppe der 25- bis 30-Jährigen (13,3 Prozent). Dabei sind es nicht nur Angehörige arbeitsmarktferner Gruppen ohne abgeschlossene Ausbildung, sondern zunehmend auch Abiturienten und Personen mit abgeschlossener Qualifikation, deren Armutsrisiko merklich steigt.

Migrantenanteil steigt

Auch die Zahl der jungen Männer mit Migrationshintergrund ist gegenüber dem Jahr 2009 merklich angewachsen. Hier lassen sich erste Effekte einer gestiegenen Zahl von Arbeitsmigranten unter den Gästen der Bahnhofsmissionen vermuten: Die Bundesagentur für Arbeit hatte im August 2011 gemeldet, dass seit der Einführung der uneingeschränkten Arbeitnehmerfreizügigkeit im April 2011 die Beschäftigtenzahlen aus den acht neuen EU-Staaten Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Estland, Lettland und Litauen stark zugenommen haben. Die Statistik der Arbeitsagentur weist darüber hinaus nach, dass nur ein geringer Teil der volle Freizügigkeit genießenden EU-Bürger unmittelbar vor der Arbeitsaufnahme eingereist ist. Viele haben sich offenbar schon vorher in Deutschland aufgehalten und ohne meldepflichtige Beschäftigung ihren Lebensunterhalt gesichert. Eine große Zahl geringfügig Beschäftigter deutet darauf hin, dass ein erheblicher Teil der Migranten unterhalb der Armutsgrenze lebt, wie hoch der Zahl der zeitweilig oder dauerhaft unbeschäftigten EU-Migranten ist, ist nicht bekannt.

Berichte aus örtlichen Bahnhofsmissionen bestätigen darüber hinaus, dass vermehrt mittellose junge Männer aus Bulgarien und Rumänien nach Deutschland kommen, um hier Arbeit zu finden. Scheitern die Bemühungen, wenden sie sich an die Bahnhofsmissionen, um ihre Grundversorgung zu sichern oder um sich Hilfe bei der Weiterreise zu erbitten. „Weil die Migranten aus den neuen EU-Ländern vom Sozialamt und vom Wohnungsamt oft abgewiesen werden und von den Fachdiensten der Wohnungslosenhilfe und den Migrationsdiensten wenig Unterstützung erfahren, sind wir oft die einzige Anlaufstelle", sagt Gabriele Ochse von der Bahnhofsmission in München. Die Münchner helfen bei der Grundversorgung mit Essen, Kleidung und Obdach, stellen Kontakte zu Familien und zu Konsulaten her und unterstützen bei der Organisation der Heimreise.

Der Fachverband der Ev. Bahnhofsmissionen in Rheinland, Westfalen und Lippe hat auf die Entwicklung bereits mit der Veröffentlichung eines Praxisratgebers reagiert. Die Handreichung „Beratung und Begleitung von Neu-Unionsbürgern/-innen durch die Bahnhofsmissionen“ informiert über rechtliche Rahmenbedingungen und zeigt anhand von Fallbeispielen typische Lösungswege auf. Auch der Diakonie-Bundesverband hat mittlerweile einen Praxisleitfaden veröffentlicht.

Psychische Erkrankungen nehmen zu

Unvermindert fortgesetzt hat sich der starke Anstieg der Menschen mit psychischen Erkrankungen unter den Gästen der Bahnhofsmissionen. Mehr als 350.000 Kontakte wurden 2010 bundesweit gezählt. Die Entwicklung ist alarmierend, weil auch hier die Gruppe der jungen Erwachsenen am stärksten betroffen ist. Viele der jungen Gäste sind alkohol- oder drogenabhängig und aufgrund dieser schweren Beeinträchtigungen schon früh vom Scheitern bedroht. Typisch für einen großen Teil der Gäste der Bahnhofsmissionen ist ein Problem-Mix aus sozialen, psychischen und finanziellen Problemen, der sich mit zunehmendem Alter verfestigt.  

„Die steigende Belastung junger Menschen ist besorgniserregend, weil die Gefahr besteht, dass hier schon früh der Grundstock für ein Leben im gesellschaftlichen Abseits gelegt wird“, sagt Dr. Gisela Sauter-Ackermann, Bundesgeschäftsführerin der Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission (KKBM). „Wenn immer mehr junge Menschen sich in Alkohol und Drogen flüchten oder psychisch krank werden, ist dies ein Indiz dafür, dass in unserer Gesellschaft etwas nicht stimmt.“ Gemeinsam mit anderen Fachverbänden der Jugendarbeit plädiert die Bahnhofsmission deshalb für eine veränderte Jugendpolitik, für mehr Toleranz und Chancengerechtigkeit und für eine verbesserte schulische und berufliche Integration.

Dabei trifft es längst nicht mehr nur bildungsbenachteiligte junge Menschen, wie Doris Vogel-Grunwald, Leiterin der Bahnhofsmission in Oldenburg, zu berichten weiß: „Oldenburg ist eine der wenigen Städte in Niedersachsen, die dank einer expandierenden Universität sowie IT- und Technologie-Branche erheblich wachsen. Das bedeutet, dass solvente Mieter auf den Markt strömen und am ‚unteren Ende‘ viele Men-schen keine Wohnung mehr finden. Dazu gehören auch immer mehr Studenten.“ In Oldenburg hat sich eine „Praxisrunde U25“ gebildet, in der die Bahnhofsmission gemeinsam mit der Kommune und anderen Wohlfahrtsverbänden nach Lösungen für die jungen Menschen sucht.

Auch die Berliner Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo bestätigt die Entwicklung. Fast jeder dritte Gast der am höchsten frequentierten deutschen Bahnhofsmission stammt dort mittlerweile aus der Gruppe der 18- bis 27-Jährigen. „Berlin ist ein Anziehungsmagnet. Viele junge Menschen zieht es in diese Stadt mit allen ihren Vor- und Nachteilen“, erzählt Rolf Kunert, stellvertretender Leiter der Einrichtung. „ Erschreckend finde ich, wenn ich einen Beratungsbogen ausfülle, wie viele Gäste dieser Altersgruppe keine abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung haben.“ Am Bahnhof Zoo und am Alexanderplatz sind neben den Mitarbeitenden der Bahnhofsmission viele Streetworker von verschiedenen Institutionen unterwegs, die versuchen mit den Menschen dieser Altersgruppe in Kontakt zu kommen. Das gestalte sich laut Kunert besonders bei den Drogenabhängigen schwierig.

Nächste Hilfe und Vermittlung
Die Bahnhofsmissionen machen es sich zur Aufgabe, den jungen Menschen in ihrer schwierigen Lebenssituation einen Schutzraum zu bieten und im gemeinsamen Gespräch nach Auswegen aus der Krise und nach Lösungswegen zu suchen. Den Einstieg in das Gespräch bilden nach wie vor eine Tasse Kaffee, ein belegtes Brötchen oder eine Spende aus der Kleiderkammer. Dies gilt übrigens für die Gäste aller Altersgruppen. Mehr als 1,3 Millionen Kontakte kamen 2010 auf diese Weise zustande und mündeten in mehr als fünf Millionen Hilfeleistungen.

Weil ein Bahnhof kein dauerhafter Aufenthaltsort sein kann, wollen die Bahnhofsmissionen ihre Besucher nur so lange wie notwendig an sich binden. Neben der Krisenbewältigung ist deshalb die Weitervermittlung eine der wichtigsten Aufgaben. „Die Bahnhofsmission ist eine Erstberatungsstelle für die unterschiedlichsten Fragen und Probleme“, erklärt Markus Siebert, Leiter der Bahnhofsmission in Essen, und weist damit auf die große Bandbreite des Angebotes hin: „Die Reisende verlässt den Bahnhof, nachdem ich ihr beim Umsteigen geholfen habe. Die ältere Dame, die es vor Einsamkeit nicht mehr zu Hause aushält und jeden Nachmittag in den Bahnhof kommt, binde ich an ihre Kirchengemeinde an. Das kann aber einen Monat dauern.“

Bahnhofsmission im Netzwerk

Siebert hält es deshalb für notwendig, dass die Hilfe einerseits nicht unter zeitlichem Druck geleistet wird, andererseits aber das Vermittlungsziel nicht aus den Augen verliert. Er gibt damit eine fachliche Haltung wieder, die sich unter den Bahnhofsmissionen immer mehr durchsetzt. Mehr als 150.000 Mal wurden im Jahr 2010 Ratsuchende an andere Hilfeeinrichtungen weitervermittelt. Der Trend des Vorjahres zu einer vernetzten Zusammenarbeit vor Ort setzte sich damit genauso fort wie die traditionell gute Kooperation mit der Deutschen Bahn AG.

Fast 106.000 Kontakte zu den unterschiedlichen Stellen der Bahn wurden 2010 gezählt; ein noch beeindruckenderes Zeugnis der guten Vernetzung mit der Bahn gibt aber die Zahl der Hilfen im Reiseverkehr wieder: 480.000 Mal wurden Reisende an den Zug begleitet, beim Übergang zwischen den Gleisen unterstützt oder mit Fahrplaninformationen versorgt. Besonders ältere Menschen und Familien mit Kindern nutzen die Bahnhofsmissionen, um auf Anschlusszüge zu warten oder einfach nur, um sich vom Reisestress zu erholen. Dass Reisende auch soziale Probleme haben, wird an der Differenz zwischen den Hilfen im Reiseverkehr und der deutlich höheren Gesamtzahl der Kontakte zu Reisenden deutlich: Immerhin drei Siebtel der insgesamt 840.000 Reisenden fragten soziale Hilfen nach, die keinen Bezug zum Reisen hatten. Die Reisenden bildeten neben den Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten (907.000) auch 2010 die mit Abstand größte Besuchergruppe der Bahnhofsmissionen.

Bahnhofsmission unterwegs
Die Bahnhofsmission hält es mit ihren Hilfen übrigens längst nicht mehr am Bahnhof. Weil im Zuge des demografischen Wandels immer mehr ältere Menschen auf Hilfe beim Reisen angewiesen sind, erproben eine wachsende Zahl von Bahnhofsmissionen mobile Begleitdienste. Diese sind überwiegend auf den Regionalverkehr begrenzt, haben mit dem Kinderbegleitdienst Kids on Tour aber auch schon Teile des Fernverkehrs erobert. 21.000 Begleitfahrten wurden 2010 gezählt, 8.000 Kinder wurden von der Bahnhofsmission im Zug begleitet.

Wohin die Reise geht
In einer mehrjährig sehr stabilen statistischen Gesamtentwicklung der Bahnhofsmissionen verbirgt sich eine Reihe von Trends, die aufhorchen lassen: Die alarmierende Belastungssituation junger Heranwachsender verdient dringend politische Aufmerksamkeit. Einer Gesellschaft, der es nicht gelingt, alle ihre jungen Menschen mit Lebens- und Teilhabeperspektiven zu versehen, droht auf Dauer sozialer Unfrieden. Hier lohnt der Blick über den europäischen Tellerrand in Länder wie Spanien, Italien oder Griechenland, wo die Verhältnisse bereits eskalieren.

Zuversichtlich stimmt, dass Bahnhofsmissionen sich örtlich immer besser vernetzen und ihr Selbstverständnis als Erstanlaufstellen zunehmend profilieren. Ausdrücklich nicht beantwortet ist damit allerdings die Frage des Umgangs mit einer ungebrochen hohen Zahl von Dauergästen, die Bahnhofsmissionen als soziale Kontaktstellen und als Tagesaufenthalt nutzen. Funktioniert hier eine Weitervermittlung an andere Stellen nicht, weil es diese nicht gibt, oder hat sich in manchen Bahnhofsmissionen eine soziale Subkultur entwickelt, die den Bahnhof doch als dauerhaften Lebensraum nutzbar macht? Eine Frage, die wohl nur vor Ort beantwortet werden kann.

Eine Ausnahme im eigentlich positiven Vernetzungstrend bildet die Vernetzung der Bahnhofsmissionen untereinander. Hier stagnieren die Zahlen auf niedrigem Niveau und erreichen nur ungefähr 40 Prozent der jährlichen Kontakte zur Bahn und nicht einmal 30 Prozent der Kontakte zu örtlichen Hilfeeinrichtungen. Ist Bahnhofsmission wirklich ein überwiegend örtliches Geschäft? Eine Frage, die spätestens bei der Entwicklung von Netzwerken mobiler Begleitdienste neu zu beantworten ist.


 
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