6. JUNI 2013

Geschulter Blick für gesellschaftliche Entwicklungen

FRANKFURT/BERLIN. Dana sitzt auf einer Bank im Bahnhof, ihren Koffer neben sich. Für die Menschen, die an ihr vorbeieilen, ist sie eine junge Frau, die auf den nächsten Zug wartet. Doch die Mitarbeiterin der Bahnhofsmission erkennt schnell,  dass Dana nicht nur einfach auf Reisen ist. Ihr geschulter Blick hilft ihr, die Situation einzuordnen, und sie ist dafür ausgebildet, Frauen wie Dana schnell und unbürokratisch zu helfen. Denn die Bahnhofsmissionen legen Wert darauf, ihre Mitarbeitenden für aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu sensibilisieren. Beim Fachtag in Frankfurt stand jetzt das Thema „Typisch weiblich? Frauen im Fokus der Bahnhofsmission“ im Mittelpunkt.


Hilfesuchende Frauen bringen ganzes Bündel von Problemen mit
Oft ist es ein ganzes Bündel von Problemen und Sorgen, die Frauen mit sich herumtragen. Doch gerade deshalb sind sie bei der Bahnhofsmission gut aufgehoben. Die Einrichtungen arbeiten stark vernetzt und dienen als Lotsen und Eingangstore zu weiteren Hilfen. „Für Frauen, die offensichtlich Gewalt erfahren haben, jemanden zum Reden brauchen oder nicht wissen, wie sie die Nacht oder den nächsten Tag überstehen sollen, sind Bahnhofsmissionen wichtige erste Anlaufstellen. Hier können sie sich geschützt fühlen", erklärt Andrea Sontheim, eine der beiden Leiterinnen der Bahnhofsmission München. Wenn nötig vermittelt die Bahnhofsmission weitere Hilfen.


Ziel des Fachtags "Typisch weiblich? Frauen im Fokus der Bahnhofsmission", der auf Initiative des auf katholischer Seite verantwortlichen Trägers der Bahnhofsmissionen, IN VIA Deutschland, in Frankfurt am Main stattfand, war es, den hilfesuchenden Frauen noch besser gerecht werden zu können. Rund 600.000 von ihnen kommen jährlich in die hundert Bahnhofsmissionen in Deutschland. Mit dem Thema blicken die Tagungsteilnehmenden gleichzeitig zurück auf die Wurzeln der Einrichtung. Wurden die Bahnhofsmissionen doch vor mehr als hundert Jahren gegründet, um alleinreisenden Frauen Schutz vor sozialer und sexueller Ausbeutung zu bieten.


Von der Fürsorge zur „Hilfe zur Selbsthilfe“
"Lange Zeit wurden Frauen in erster Linie als Opfer gesehen. Das trug dazu bei, dass die Frauen ihre Situation als aussichtslos und sich selbst als ohnmächtig erlebten. Heute legen die Bahnhofsmissionen großen Wert darauf, Frauen in ihren Kompetenzen und ihrer Eigenverantwortung zu stärken, ihnen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben und sie wirklich ernst zu nehmen“, betont Dr. Gisela Sauter-Ackermann, Bundesgeschäftsführerin der Bahnhofsmissionen. Dazu gehört auch, dass traditionelle Geschlechterrollen hinterfragt und Genderperspektiven eröffnet werden. „Hier findet ein Paradigmenwechsel statt, der für die Arbeit mit Frauen am Bahnhof folgenreich ist. Er wirkt sich vor allem auf die Haltung aus, mit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Gästen der Bahnhofsmission begegnen.“



 
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