22. AUGUST 2013

Drei Plastiktüten voller Probleme

Mitarbeitende der Bahnhofsmission sind oft als Behördenlotsen unterwegs

 

HAGEN. Der Tag, an dem Ulrich Reinke* mit drei vollen Plastiktüten in die Bahnhofsmission Hagen kam, werden die Mitarbeitenden so schnell nicht vergessen.  Dass Reinke ein Bündel an Problemen mit sich herumschleppte, war allen klar. In den vergangenen Jahren war der 56-Jährige oft zu Gast, anfangs, um der Einsamkeit zu entfliehen. Im Laufe der Jahre fasste er Vertrauen und nahm immer wieder Hilfe beim Umgang mit Behörden oder gesundheitlichen Nöten an. Doch jetzt hatte der ängstliche Mann einen Entschluss gefasst: Seine gesamte Misere musste auf den Tisch.

In den Plastiktüten steckten Briefe, Rechnungen und Mahnungen der vergangenen vier Jahre – alle ungeöffnet. Irgendwann hatte Reinke einfach den Überblick verloren. Gründe dafür gab es viele. Mit Behörden und Unternehmen hatte der funktionale Analphabet viele schlechte Erfahrungen gemacht. Wegen einer Lernbehinderung konnte er noch nie gut mit Geld umgehen und aufgrund seiner Epilepsie-Erkrankung fiel es ihm immer schwerer, im Alltag klarzukommen. Und jetzt hatte er auch noch einen unüberschaubaren Schuldenberg angehäuft.

Geduld ist gefragt
Gut, dass Geduld zu den Eigenschaften gehört, die freiwillig Engagierte für ihre Arbeit in der Bahnhofsmission mitbringen. Monika Dittmar hat nicht lange gezögert und gemeinsam mit Reinke die gesamten Unterlagen sortiert. Dann hat die 64-jährige Ehrenamtliche ihn bei den wichtigsten Behördengängen begleitet, bei der Kommunikation mit dem Vermieter oder dem Energieversorger unterstützt und schließlich geholfen, einen gesetzlichen Betreuer zu finden. Heike Spielmann, Leiterin der Bahnhofsmission Hagen, ist sich sicher: "Im Grunde genommen ist Ulrich Reinke eine Seele von Mensch. Er hat Ideen und ist initiativ, braucht aber jemanden, der ihm hilft, sich zu sortieren, wenn er sich verheddert. Wenn die Chemie zwischen ihm und dem Betreuer stimmt, dann wird das eine gute Sache."

Spielmann ist Diplom-Sozialarbeiterin und Diakonin und leitet die Einrichtung seit 2001. Zuvor war sie in der Wohnungslosen- und Flüchtlingshilfe tätig. Die 50-Jährige kennt sich mit Rechtsfragen aus und legt Wert darauf, dass auch die 20 ehrenamtlich Mitarbeitenden der Bahnhofsmission keine Scheu vor behördlichen Angelegenheiten haben. Denn die Hälfte der rund 90 Menschen, die täglich durchschnittlich in die Bahnhofsmission Hagen kommen, haben soziale und finanzielle Probleme, einige leben auf der Straße. Für manche ist die Bahnhofsmission die einzige Anlaufstelle, denn hier können sie anonym bleiben und müssen keinen offiziellen Termin machen.

"Wir legen viel Wert darauf, unsere Mitarbeitenden zu schulen. Gerade hatten wir beispielsweise eine Fortbildung zum ‚Behördenlotsen’“, erzählt Spielmann. „Die Rolle des Mitarbeitenden als Anwalt hilfebedürftiger Menschen muss klar definiert sein. Auch, wenn man sich mit Herzblut engagiert, muss man lernen, die richtige Distanz zu wahren." Darüber hinaus ist es wichtig, dass die Bahnhofsmission mit anderen Hilfeanbietern gut vernetzt ist, um den Gästen die bestmögliche Unterstützung vermitteln zu können. „Das alles ist zeitintensiv und kann von den 100 Bahnhofsmissionen in Deutschland nur dank des Engagements der 2.000 Ehrenamtlichen und mithilfe von Spendengeldern geleistet werden“, so Spielmann.

Immer häufiger reicht die Rente nicht zum Leben
Zu den Gästen der Bahnhofsmission Hagen gehören viele ältere Menschen. Ein großer Teil von ihnen benötigt aufgrund gesundheitlicher Probleme Hilfe beim Reisen mit der Bahn. Nicht wenige jedoch haben finanzielle Probleme, weil die Rente nicht zum Leben reicht. „Wir sehen oft Rentenbescheide von 350 Euro im Monat", sagt Spielmann. " Einige Gäste arbeiten nebenbei, um über die Runden zu kommen. Diesen Menschen müssen wir häufig vermitteln, dass sie keine Schuld an ihrer Situation haben und Anspruch auf Unterstützung durch den Staat.“ Die Leiterin der Bahnhofsmission ist sich sicher, dass die Altersarmut zunehmen wird, weil immer mehr Menschen schlecht bezahlter Arbeit nachgehen.

Für den Mann, den sie den „Kölner“ nennen, gab es trotz aller Widrigkeiten in seinem Leben ein kleines Happy End. Nach jahrzehntelangem Auf und Ab hat der 64-Jährige vor einem Jahr ein geeignetes Zuhause gefunden – keine Selbstverständlichkeit. Der Mann hat Humor. Mit schönstem Kölner Akzent erklärt er, dass er als Fan vom 1. FC Köln Kummer gewohnt und hart im Nehmen ist. Doch vieles in seinem Leben war nicht lustig. Vor allem seit vor einigen Jahren seine Ehefrau jung starb. Zuvor war die Frau, die aufgrund einer Behinderung im Rollstuhl saß, sein Lebensmittelpunkt.

Sein Leben war nie einfach, aber ihr Tod hat ihn völlig aus der Bahn geworfen. „Wir haben gemerkt, dass er immer mehr abstürzte. Doch richtig helfen lassen wollte er sich nicht", erinnert sich Spielmann. Eines Tages wurde er alkoholisiert von einem Zug angefahren. Aus dem Krankenhaus rief er in der Bahnhofsmission an und bat um Hilfe. Er kenne niemanden, der ihm Kleidung bringen könne. „Das geht natürlich über unsere eigentlichen Aufgaben hinaus, aber wir wussten, dass er niemanden mehr hat. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin hat sich darum gekümmert und dabei gemerkt, dass auch seine Wohnung in einem sehr schlechten Zustand war“, erzählt die Leiterin der Bahnhofsmission.

Der Unfall habe dann ein Umdenken in Gang gesetzt. Körperlich geschwächt und auf einen Rollator angewiesen, habe sich der Kölner schließlich überzeugen lassen, in ein Wohnheim zu ziehen. Auch wenn es einiges an Anstrengung gekostet hat, ihn davon zu überzeugen, dass es besser für ihn ist, sein Arbeitslosengeld  eingeteilt zu bekommen. Seit einem Jahr lebt der Kölner jetzt in dem Wohnheim für Männer und führt ein geregelteres Leben. Manchmal kommt er noch in die Bahnhofsmission. Über sein neues Zuhause sagt er: „Das ist gut so!"

„Wir können nicht jedem helfen. Manchmal müssen wir dabei zusehen, wie Menschen langsam sterben. Gerade Menschen, die auf der Straße leben, haben eine niedrigere Lebenserwartung “, sagt Spielmann. Doch man könne niemanden zwingen, in eine Klinik oder ein Heim zu gehen. Am Ende könne nur ein Amtsarzt eine Einweisung anordnen, wenn die Personen suizidgefährdet sei.

Reisehilfe endet in Gespräch über Sorgen
In Fortbildungen werden die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden der Bahnhofsmissionen auf ihre anspruchsvolle Aufgabe vorbereitet. Jeder wird im Team nach seinen persönlichen Qualifikationen eingesetzt. Der eine hilft lieber Reisenden, der andere bringt die Ausdauer mit, die nötig ist, um Menschen in schwierigen Lebenslagen zu begleiten. Doch jeder muss auf alle Situationen vorbereitet sein. "Was mit einer Reisehilfe angefangen hat, endet nicht selten in einem Gespräch über Sorgen und Nöte“, weiß Spielmann.

Für Monika Dittmar ist das ehrenamtliche Engagement in der Bahnhofsmission ein Segen. Früher war sie selbstständig und hat ein Geschäft geführt. Dann im Ruhestand hat sie eine Aufgabe gesucht, die sie herausfordert, wo sie ständig etwas Neues dazu lernen kann. Nach der Arbeit in der Bahnhofsmission geht sie nach Hause mit dem guten Gefühl, dass sie etwas bewegt und Menschen geholfen hat.

* Name geändert


 
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