22. MAI 2014

Schriftsteller sammelt Geschichten auf der Wanderbank

MÜNCHEN. Bitte setzen Sie sich doch! "Die Wanderbank", ein Angebot der kirchlichen Bahnhofsmissionen in Bayern, machte eine Woche lang Station am Münchner Hauptbahnhof. Ihr Auftrag: Menschen  ins Gespräch bringen. Viele folgten der Einladung zum Sitzen, Verweilen und Erzählen. Einer, der ihnen zuhörte, war der Schriftsteller Friedrich Ani.  


Da ist es wieder. Dieses Klack, Klackklack, Pling. Ein markantes Geräusch, das selbst mitten am Bahnsteig zwischen Lautsprecherdurchsagen und quietschenden Bremsen ins Ohr geht. Irritiert schaut sich die ältere Dame mit dem Rollkoffer um. Sollte da tatsächlich jemand Schreibmaschine schreiben? Tut er. Der Münchner Schriftsteller und Krimipreisträger Friedrich Ani sitzt an Gleis 11 auf einer Gartenbank, spannt einen neuen Bogen Papier ein und hämmert los auf seiner knallgelben "Monica". Warum? Weil er Geschichten sammelt. Geschichten, die das Leben schreibt. Und die ihm Reisende, Passanten, Gescheiterte und Gebrochene erzählen wollen, wenn sie sich zum ihm auf die schlichte Holzbank setzen.

Drei Tage lang war Ani da, schwieg, hörte zu, fragte nach und machte sich Notizen. Als "Geschichtensammler" unterstützt er ein ganz besonderes Kunstprojekt der Arbeitsgemeinschaft der kirchlichen Bahnhofsmissionen in Bayern (www.bahnhofsmission-bayern.de).   

Unter dem Titel "Die Wanderbank. Eine Einladung zum Sitzen, Verweilen und Erzählen" schickt die Arbeitsgemeinschaft die zwei Meter lange Sitzgelegenheit von Bahnhofsmission zu Bahnhofsmission. Die erste Station war Passau, jetzt eben München. Die Bank bewegt sich dorthin, wo die Menschen sind. Manche setzen sich, andere lassen sie links liegen und gehen daran vorbei. Oft bringt sie die Menschen ins Gespräch.  

Für den Schriftsteller Friedrich Ani ist es "ein Geschenk, wenn sich jemand her setzt und bereit ist, etwas von sich preiszugeben." Als "Bahnhofsmensch", der einen ganz eigenen Bezug zu diesem widersprüchlichen Ort hat, nimmt er gerne auf der "Wanderbank" Platz. Und stellt fest: "In meinen Büchern kommen genau die Leute vor, die hier in die Bahnhofsmission gehen." Viele von ihnen haben Brüche in ihrer Biografie und sind nicht mehr fähig, an einem – in den Augen anderer – normalen Leben teilzuhaben. "Das hier ist ein Sammelpunkt für Erniedrigte und Beleidigte", sagt Ani, "ein Ort, an dem es warm ist und Hilfe gibt". Es berührt ihn, dass neben ihm Nichtsesshafte zumindest vorübergehend sesshaft sind, dass türkische oder rumänische Mitbürger allen Sprachbarrieren zum Trotz etwas zu erzählen haben, dass – wie er sie nennt – "unscheinbare Menschen in schlecht beleuchteten Zimmern" hier sichtbar und wahrgenommen werden.  

Am anderen Ende der Holzbank sitzt an diesem Nachmittag die Künstlerin Christiane Huber. Gemeinsam mit der Dokumentarfilmerin Sanne Kurz (beide München) hat sie das vom bayerischen Sozialministerium geförderte Projekt "Wanderbank" im Auftrag der kirchlichen Bahnhofsmissionen entwickelt. Sie hat in den vergangenen Tagen schon viele Wollknäuel "verhäkelt". Das Handarbeiten bringt Gesprächsstoff. "Ich weiß jetzt schon, was Häkeln auf Bulgarisch heißt", erzählt die Künstlerin und zeigt den Schriftzug auf ihrem Notizblock, "eine Besucherin hat mir sogar extra ein Muster für einen Kinderpulli vorbeigebracht." Genau darum, nämlich um "Gott und die Welt", soll es bei der Wanderbank auch gehen. "Wer sich setzen will, setzt sich. Wer erzählen will, erzählt", so Huber. Wer die Ruhe sucht, ruht sich einfach nur aus. Es gibt keinen Zwang. Das ist schließlich auch das Prinzip der 13 größtenteils ökumenisch geführten Bahnhofsmissionen im Freistaat: Sie helfen jedem, gratis, ohne Erwartungen und ohne Anforderungen zu stellen.  

Die nächsten Stationen der Wanderbank sind Ingolstadt, Schweinfurt, Aschaffenburg und Würzburg. Nicht immer werden sich hier "Geschichtensammler" niederlassen. Dann kann sie vielleicht eigene Geschichten erzählen – als Rastplatz für Senioren, als Treffpunkt für Jugendliche oder von Bekanntschaften mit Vierbeinern. [Annette Bieber]


 
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