11. JUNI 2014

Not von Migranten fordert Bahnhofsmission

2012 zwei Millionen Menschen geholfen. – Jeder zweite von Armut betroffen. – Immer mehr Gäste mit psychischen Erkrankungen.

BERLIN. Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund, die sich hilfesuchend an die Bahnhofsmissionen wenden, ist in den beiden vergangenen Jahren weiter angestiegen. Im Jahr 2012 waren es  mehr als 300.000 Personen. Seit dem Jahr 2008 beträgt der Anstieg über 70 Prozent, bei den Männern im erwerbsfähigen Alter zwischen 18 und 65 Jahren sogar 100 Prozent und mehr.

In den Bahnhofsmissionen manifestieren sich offenbar die sozialen Probleme der Erweiterung der europäischen Union und der daraus resultierenden Binnenmigration: „Zu uns in die Münchner Bahnhofsmission kommen vor allem hilfesuchende Menschen aus Bulgarien und Rumänien, aber auch aus Ungarn, Tschechien und der Slowakei“, berichtete Andrea Sontheim, Leiterin der katholischen Bahnhofsmission in der bayrischen Landeshauptstadt.

Wie ihre Leitungskollegen aus Hamburg, Berlin und anderen deutschen Städten schilderte Sontheim die Probleme der Kommunen, auf die oft prekäre Not der Migrantinnen und Migranten zu reagieren. So gab es während der Wintermonate 2012/13 große Probleme, die Menschen mit Notunterkünften zu versorgen. Gelang es ihnen aus eigener Kraft, Wohnungen zu finden, waren diese oft überteuert, sanierungsbedürftig und überfüllt.

Aber nicht nur Wohnungslosigkeit ist ein drängendes Problem, sondern auch die Versorgung mit Lebensmitteln und Kleidung. Weil Ansprüche auf Sozialleistungen in der Regel nicht bestehen, sind die Migranten gezwungen, auf die Essensausgaben und Kleiderkammern sozialer Organisationen auszuweichen. Diese sind genau wie viele Bahnhofsmissionen mit der existentiellen Not der Menschen überfordert, weil übliche Vermittlungsmöglichkeiten an Behörden oder Integrationseinrichtungen fehlen.

Jeder zweite Gast von Armut betroffen

Akute Armut war aber nicht nur ein Problem der zugewanderten Gäste der Bahnhofsmissionen. Fast jeder zweite der ca. zwei Millionen Besucher sah sich 2012 gleich mehreren sozialen Problemlagen gegenüber, die nicht aus eigener Kraft zu überwinden waren. Jeder dritte Besucher berichtete von finanziellen Problemen; bundesweit fast 800.000 materielle Hilfen sind weiteres Indiz dafür, dass Hunger, Durst und nicht ausreichende Kleidung maßgebliche Gründe für viele der Gäste sind, die Hilfe der Bahnhofsmissionen zu suchen.

Mehr psychisch Kranke
Bemerkenswert ist, dass bei insgesamt zurückgehenden Gästezahlen (minus 9 Prozent) die Zahl der Gäste mit sozialen und gesundheitlichen Belastungen konstant geblieben bzw. deutlich angestiegen ist. So stieg die Zahl der Personen mit körperlichen Erkrankungen seit dem Jahr 2008 um 43 Prozent und die der Personen mit psychischen Erkrankungen sogar um alarmierende 80 Prozent.

„Es sind längst nicht mehr nur die Alkohol- und Drogenabhängigen, die zu uns die Bahnhofsmissionen kommen“, erläuterte Heike Spielmann die Entwicklung der letzten Jahre, „sondern Menschen mit vielerlei psychischen Beeinträchtigungen, die in der Bahnhofsmission einen Schutzraum suchen.“ Die Leiterin der Bahnhofsmission in Hagen wies darauf hin, dass Bahnhofsmissionen wegen ihres offenen Konzepts attraktiv für Menschen mit psychischen Erkrankungen sind: „Hier können sie sich einfach aufhalten und soziale Kontakte im Rahmen ihrer Wünsche und Möglichkeiten gestalten.“

Menschen mit psychischen Erkrankungen gehören zu den konstant 1,3 Millionen Personen, die in jedem Jahr die Räume einer der bundesweit 103 Bahnhofsmissionen aufsuchen. Weitere fast 700.000 Personen erreichen die Bahnhofsmissionen, wenn die Mitarbeitenden im Bahnhof oder auf den Bahnsteigen unterwegs sind.

Schnelle Hilfe überwiegt
Traditionelles Geschäft der fast 2.000 ehrenamtlichen Mitarbeitenden waren auch in den Jahren 2011/12 kleine Hilfen und Auskünfte. Durchschnittlich 35 Mal am Tag leistet jede Bahnhofsmission diesen schnellen Dienst. Zeit- und arbeitsaufwändigere Hilfeleistungen wurden in etwa jedem zehnten Fall geleistet. Zu diesen Tätigkeiten gehörten intensivere Beratungsgespräche und Kriseninterventionen genauso wie vermittelnde Hilfen in Zusammenarbeit mit Dritten. Zu den Partnern der Bahnhofsmissionen gehörten z. B. soziale Einrichtungen vor Ort und die Deutsche Bahn AG.

Erfasst wurden bei den komplexeren Hilfen auch die 13.000 mobilen Begleitungen, die 2012 von bundesweit 22 Bahnhofsmissionen geleistet wurden. Die Begleitangebote gehören zu den Hilfen der Bahnhofsmissionen für mobilitätseingeschränkte Reisende. 385.000 von ihnen haben im Jahr 2012 die Unterstützung der Bahnhofsmissionen in Anspruch genommen.

Frauenanteil sinkt
Trotz eines deutlichen Rückgangs von 18 Prozent seit 2008 bildeten die Reisenden weiterhin die zweite große Gruppe der Gäste der Bahnhofsmissionen. Auffällig ist, dass anders als bei den von sozialer Benachteiligung betroffenen Gästen die Geschlechterverteilung in dieser Gruppe ausgewogen war bzw. die Frauen sogar leicht überwogen.

Der Gesamtanteil der Frauen an den Gästen der Bahnhofsmission betrug 34 Prozent in 2012, und somit durchgängig durch alle Altersgruppen nur noch 84 Prozent des Mittels der letzten Jahre. Der Rückgang war besonders bei Frauen festzustellen, die reisen, körperlich krank sind oder eine Behinderung haben. Bei den sozial benachteiligten Gästen bildeten die Frauen weiter einen stabilen Anteil von knapp 18 Prozent.

Die katholische Bundesgeschäftsführerin der KKBM, Dr. Gisela Sauter-Ackermann, stellt zusammenfassend fest, dass die wachsenden Armutsprobleme in Deutschland und Europa die Arbeit der Bahnhofsmissionen in den letzten beiden Jahren stark bestimmt haben. Weil politische Lösungen für diese Probleme nicht in Sicht seien, könne die Bahnhofsmission zwar in vielen Einzelfällen humanitäre Hilfe leisten, von einer Lösung der Armutsprobleme in Deutschland könne aber weiter nicht die Rede sein.


 
Zurück zur Artikel-Übersicht