4. MAI 2016

Bahnhofsmission Schweinfurt: Seit 90 Jahren am Puls der Zeit

SCHWEINFURT. „Gestern die Queen, heute die Bahnhofsmission“ – wer bislang meinte, „Ihre Majestät“ und die Schweinfurter Bahnhofsmission hätten nichts gemeinsam, wurde vom Chef der Diakonie  Schweinfurt, Jochen Keßler-Rosa, zum Jubiläum der Hilfeeinrichtung schnell eines Besseren belehrt. Beide Geburtstagskinder feierten schließlich nicht nur ihren 90sten. Beide sind auch im hohen Alter von großer Bedeutung und in ihrer jeweiligen Heimat eine echte Institution.

So begrüßte Keßler-Rosa bei den Feierlichkeiten in der Bahnhofshalle zwar keine royale, aber doch eine bunte Runde mit über 100 Gästen aus Kirche, Politik, Wirtschaft und natürlich dem Freundeskreis der Bahnhofsmission. Gemeinsam mit IN VIA, dem Katholischen Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit Würzburg, teilt sich das Diakonische Werk Schweinfurt die Geschäftsführung und Finanzierung der Einrichtung.

Der Rückblick auf 90 Jahre Bahnhofsmission begann mit einem ökumenischer Gottesdienst, gestaltet von Pfarrerin Christhild Grafe und Pastoralreferent Michael Pfrang. Kurze Gebete, Bibelworte, Fürbitten und auch gespielte Szenen aus dem Alltag der Bahnhofsmission belegten, was es heißt „gemeinsam auf dem Weg“ zu sein. Pfrang betonte, dass es gerade in der heutigen, temporeichen Zeit wichtig sei, einen Anlauf- und Ruhepunkt wie die Bahnhofsmission zu haben. Hier würden auch jene Halt, Unterstützung und Wärme finden, die ohne Ziel unterwegs seien, heimatlos oder einsam. Genauso wie Reisende, die erschöpft und vielleicht ohne Geld in einer fremden Stadt stranden. Oder alte und gehandicapte Menschen, die Hilfe beim Umsteigen oder eine Reisebegleitung brauchen.

„Die Bahnhofsmission ist für alle da, die nicht wissen, wo es hingeht – egal, ob auf Reisen oder im Leben“, so Hedwig Gappa-Langer von der Arbeitsgemeinschaft der kirchlichen Bahnhofsmissionen in Bayern. Gerade für Frauen ab 65 sei das Stadtteilcafé übrigens eine lokale Besonderheit, ein wichtiger Treff zum Andocken. Musikalisch umrahmt wurde der Gottesdienst vom „Trio Spontane“, außerdem spielte die Veeh-Harfen-Gruppe der offenen Behindertenarbeit (OBArt) der Diakonie.

Mit Lob und Anerkennung wurde in den zahlreichen Grußworten zum Jubiläum nicht gespart. Schweinfurts Zweite Bürgermeisterin, Sorya Lippert, dankte im Namen der Stadt für die unbürokratische Hilfe seitens der Bahnhofsmission. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass die Einrichtung sich keinesfalls überholt habe, „sie ist ein wichtiger Ruhepunkt zum Ankommen“. Und sie reagiere schnell auf aktuelle Erfordernisse. Bestes Beispiel: Die Flüchtlingshilfe im Herbst vergangenen Jahres.

Auch Hausherr und Bahnhofsmanager Elmar Hirsch würdigte die Bahnhofsmission als einen „immer verlässlichen Partner“, der am Puls der Zeit helfe. Als einst über eine Schließung nachgedacht worden sei, bekannten sich Hirsch und seine Mitarbeitenden nach eigenen Worten klar zur Bahnhofsmission: „Die Mannschaft brauchen wir.“ Der stellvertretende Landrat Peter Seifert betonte zudem, dass „die blauen Engeln von Gleis 1“ mit ihrem Einsatz politische Defizite ausglichen.

Dass die Bahnhofsmissionen Kirchen- und Sozialgeschichte geschrieben haben, hob Christian Baron, Vorsitzender der ökumenischen Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmissionen (KKBM), hervor. Mit den Hilfestationen, die zu den ältesten ökumenischen Einrichtungen zählen, hätten die beiden Kirchen gemeinsame Antworten auf die Nöte der jeweiligen Zeit gefunden.

Angelika Blenk (IN VIA Würzburg) und Helmtrud Hartmann (Diakonie Schweinfurt) ließen schließlich die Geschichte der Bahnhofsmission Revue passieren. 1894 wurde die erste in Berlin gegründet. Ihr Ziel: Vor allem Mädchen und jungen Frauen unterwegs Schutz vor Gewalt und Ausbeutung zu bieten. Die Schweinfurter Einrichtung gibt es seit 1926. Im Laufe der Zeit veränderten sich mit den Notlagen stetig die Aufgaben: Waren es nach dem Krieg vor allem Heimkehrer, Flüchtlinge und Übersiedler aus Ostdeutschland, die hier Hilfe fanden, ging es in den 60er und 70er Jahren um die Betreuung von pendelnden Schülern, später dann um herumziehende Nicht-Sesshafte und Arbeitslose. Ihr Resumee: „Hier wird es nie langweilig.“

Ein ganz dickes „Wow“ für die haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden, die mit Fortbildungen auf ihre nicht immer einfache Arbeit vorbereitet werden, gab es auch von Bauchredner Marcelini und seinem Hund Oskar. [Annette Bieber]

Mehr Informationen über die Schweinfurter Bahnhofsmission an Gleis 1: http://www.bahnhofsmission-schweinfurt.de


 
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