20.09.2026

Gedanken zum 16. Sonntag nach Trinitatis von Hubertus Schönemann

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. (Matthäus-Evangelium 20,1)

Der Clou dieses Gleichnisses (Matthäus 20,1–16a): Am Ende des Arbeitstages erhalten alle angeworbenen Arbeiter den vereinbarten Denar, auch die, die erst später zu arbeiten begonnen haben. Es geht hier um unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit.

Vordergründig erscheint das ungerecht. Offenbar liegt die Logik des Evangeliums aber auf einer anderen Ebene: Jeder bekommt das, was er wirklich zum Leben braucht.. Ein Denar stellte den Tagesverdienst eines einfachen Arbeiters dar und reichte offenbar aus, um eine kleine Familie am Leben zu erhalten. Nach dieser Logik sorgt der Gutsbesitzer dafür, das alle ein ausreichendes Auskommen haben.

In unserem Land haben derzeit viele den Eindruck, dass es hier nicht gerecht zuginge. Ausländer erhalten angeblich „alles hinten reingeschoben“, die Deutschen gingen leer aus. Das Geld würde absichtlich in Entwicklungshilfe und Klimaschutz irgendwo in der Welt verschwendet, die Deutschen müssten den Gürtel immer enger schnallen. Weit verbreitet ist das Gefühl, zu wenig „vom Kuchen“ abzubekommen oder nicht genügend beachtet und wahrgenommen zu werden. Das Gefühl der Zurücksetzung kann recht schnell zu einer „Opfermentalität“ werden, mit der man dann „denen da oben“ einen ordentlichen Denkzettel verpassen will.

Auch wenn ich die Probleme nicht kleinreden möchte: Den meisten Menschen in Deutschland geht es doch recht gut. Wir haben hier immer noch eine Situation, um die uns viele andere Länder beneiden. Sicherlich gibt es Ängste vor Verlust und sozialem Abstieg. Und wir werden bei den Krisen sehen müssen, wie wir uns nachhaltig verändern und die anstehenden Zukunftsprobleme lösen können. Allen wird zugemutet werden, einen gewissen Beitrag zu leisten, weil die „Verteilungsmasse“ künftig nicht mehr so üppig sein wird. Bei den Entscheidungen darüber ist das Gemeinwohl gegenüber den Partikularinteressen vorrangig.

Das Gleichnis vom Gutsbesitzer zeigt: Gerechtigkeit ist nicht ein neidisches und angst- oder hassvolles Abgleichen, ob der andere mehr bekommt als ich. Vom Evangelium her ist es wichtig, dass möglichst viele Menschen Lebensmöglichkeiten erhalten und sich beteiligen können. Vielleicht hilft es, immer mal wieder darauf zu schauen, was ich im Leben (geschenkt bekommen) habe. Und auf das zu schauen, was über das Materielle hinaus wichtig ist für ein gutes Leben: Beziehungen, Freundschaften, Musik und Kunst, schöne Erlebnisse, gemeinsames Lachen und Weinen, gute Gespräche, sich bewegen und feiern. Ich wünsche mir, dass wir uns darüber mehr austauschen, unsere Erfahrungen und Zeit miteinander teilen dass unsere Zivilgesellschaft und das Miteinander gestärkt werden. Eine Demokratie lebt davon, dass man sich einbringt und mitgestaltet. Wenn man aus Protest extreme Parteien wählt, die zwar „das Blaue vom Himmel“ herunter versprechen, aber das Gemeinwesen und die Gesellschaft autoritär und entsolidarisiert umbauen wollen, dann sehe ich darin keine zukunftsorientierte Entwicklung.

PorträtDr. Hubertus Schönemann, Vorsitzender und Diensttuender Bahnhofsmission Erfurt

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