Gedanken zum Erntedankfest von Günter Hentschel
" Alle Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit " (Psalm 145,15)
Dieser Text ist einer der bekanntesten Verse in der Bibel. Er wird oft gerade am heutigen Sonntag zitiert, da wir heute in vielen Gemeinden das Erntedankfest feiern. Typisch sind dann geschmückte Altäre mit Obst, Gemüse und Getreide sowie Erntekrone. Auch ich werde am heutigen Tag wieder einem traditionellen Erntedankgottesdienst auf dem Waldhof ganz in meiner Nähe beiwohnen.
Wir sollten uns immer bewusst sein, dass die Ernten nicht als selbstverständlich angesehen werden dürfen. Insofern ist dieser Sonntag nur ein Tag, um daran zu denken, obwohl wir das ganze Jahre eigentlich an die Tätigkeiten in der Landwirtschaft bzw. an die Nahrungsbereitung denken sollten. Auch in vielen Bahnhofsmissionen ist dies ein Thema; denn am Bahnhof kreuzen sich unzählige Situationen und Lebenswege. Hier rollen die Züge ein und aus, Reisende hetzen zu ihren Anschlusszügen, getrieben vom Alltag.
Doch abseits der Bahnsteige - am Gleis 1 - in den Räumen der Bahnhofsmission warten andere Augen. Es sind die Augen von Menschen, deren Leben ins Straucheln geraten ist. Menschen, die nicht nur Hunger nach einer warmen Mahlzeit haben, sondern auch nach einem Funken Würde, nach Anerkennung und vor allem auch einem offenen Ohr für Ihre Nöte und Ängste. Wenn wir in der Bahnhofsmission Kaffee einschenken, eine Stulle schmieren, eine Suppe zubereiten oder eine vollwertige Mahlzeit ausgeben, wird der alte Psalmvers 145,15 lebendig.
Gott gibt die Speise zur rechten Zeit. Jeder Teller, der über unsere Theke geht, erinnert daran, dass wir die Verantwortung tragen füreinander zu sorgen. So wird der Bahnhof zu einem Ort, an dem aus Warten Hoffnung wird – zur rechten Zeit. Die Augen warten nicht auf ein festliches „Erntedank - Menü“, sondern oft schlicht auf das Lebensnotwendige. Menschen, die durch das soziale Netz gefallen sind, finden hier Nahrung für den Körper und natürlich auch Trost für die Seele. Die Essensausgabe verwandelt eine Bahnhofsmission in einen Ort des gelebten Glaubens. Wir zeigen unseren Gästen, dass sie nicht allein sind. Es gibt einen Ort, an dem für euch gesorgt wird - ganz praktisch. Teller für Teller - Tag für Tag. Bahnhofsmission - einfach da.
In diesem Sinne alles Gute und bleiben Sie engagiert.
Ihr
Günter Hentschel