25.10.2026

Gedanken zum 21. Sonntag nach Trinitatis von Ingo Grastorf

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Römer 12,21)

Aktuell scheint es, als würde das Gute immer mehr aus dem Blick geraten. Kriege, gesellschaftliche Spannungen, politische Polarisierung, zunehmende Armut und Arbeitslosigkeit sowie ein rauer werdender Umgangston prägen unsere Nachrichten aber auch ganz greifbar unseren Alltag. 

In solch einer Atmosphäre fordert uns der Apostel Paulus, als Autor des Briefes an die Römer, auch heute noch auf, dem Bösen nicht das letzte Wort zu überlassen uns nicht ohnmächtig vor all dem Bösen zu fühlen. Es geht ihm dabei nicht darum, Negatives schönzureden oder Unrecht einfach hinzunehmen. Vielmehr erinnert er uns daran, dass wir selbst entscheiden können, welche Haltung unser Handeln bestimmt. Wir müssen Härte nicht mit noch mehr Härte beantworten, Gleichgültigkeit nicht mit noch mehr Gleichgültigkeit und Ablehnung nicht mit noch mehr Ablehnung. Es gibt die Möglichkeit aus dieser Spirale auszubrechen. Nicht nur im Kopf und durch Rückzug ins Private, sondern durch das eigene Tun, durch das Machen. 

Gerade bei Ihnen in der Bahnhofsmission wird dieses Ausbrechen aus der Spirale, diese Botschaft von Paulus täglich lebendig. Ein freundliches Wort, für jemand der nur Zurückweisung erfährt. Ein offenes Ohr, wo andere längst nicht mehr zuhören. Eine Tasse Kaffee, ein geschützter Raum, ein respektvoller Blick. Das sind scheinbar kleine Gesten. Doch für einen Menschen, der sich vergessen oder ausgegrenzt fühlt, können sie den entscheidenden Unterschied machen.

Natürlich gibt es auch schwierige Begegnungen. Situationen, in denen unsere Geduld an Grenzen stößt oder in denen wir uns selbst schützen müssen. Das Gute zu tun, bedeutet nicht, alles ertragen zu müssen. Auch ein klares Nein, eine notwendige Grenze oder das eigene Einfordern von Respekt können Ausdruck einer Haltung sein, die dem Leben dient.

Vielleicht werden wir die großen Probleme unserer Welt nicht an den Bahnhöfen lösen. Aber wir können verhindern, dass Hoffnungslosigkeit, Abgrenzung und Gleichgültigkeit unser eigenes Handeln bestimmen.

Jeder Dienst in der Bahnhofsmission bietet dazu eine neue Gelegenheit. Nicht durch große Worte, sondern durch gelebte Menschlichkeit.

Denn das Gute überwindet das Böse nicht immer laut und spektakulär. Manchmal beginnt es ganz unscheinbar: mit einer offenen Tür, einer einladenden Geste und einem Menschen, der sagt: „Schön, dass Sie da sind.“

Porträt Ingo GrastorfIngo Grastorf Diakonie Deutschland, Leiter des Zentrums Engagement, Demokratie und Zivilgesellschaft Berlin

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