24. JUNI 2022

Gedanken zum Johannistag

Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf dass ein jeder empfange nach dem, was er getan hat im Leib, es sei gut oder böse. (2. Korinther 5, 10a )

 

Das Bild des Richterstuhls des Herrn -darüber zu schreiben ist für mich schwer. Als eine, die immer versucht, die Obrigkeit zu hinterfragen, erweckt das Bild von einem patriarchalen Richterstuhl erstmal Vorsicht. Aktuell urteilen Gerichte in aller Welt gerade in diesem Jahr über die körperliche Unversehrtheit von insbesondere weiblichen Körpern in beängstigender Weise, die Tränen, Verzweiflung und Wut hervorrufen.

 

Auf keinen Fall blindlings gehorchen, zur Mitläuferin werden, das habe ich, deren Eltern im Nationalsozialismus Kinder waren, von klein auf gelernt.

 

Dann soll am Ende dieser Richterstuhl stehen, den man nicht hinterfragen darf?   

 

Der Text davor beschreibt, dass wir uns sehnen, unseren als nackt empfundenen Körper von Gott „überkleiden“ zu lassen, „damit das Sterbliche verschlungen werde vom Leben“ (2. Kor.5,4). Er beschreibt, dass unser Geist uns hilft, getrost zu sein und zu begehren, „den Leib zu verlassen und daheim zu sein beim Herrn“.  

 

Kann mir mein Geist da helfen? Ich kann mir nur schwer vorstellen, zu begehren, meinen lebendigen Körper zu verlassen. Alles was ich in meinem Leben und meiner Arbeit mit Menschen aus verschiedenen Ländern, Altersgruppen und gesellschaftlichen Milieus gelernt habe, sagt mir, dass unsere Nacktheit, unsere Körper und unser sterbliches Leben etwas sehr Kostbares und Liebenswertes sind. Mir scheint, wenn wir es schaffen, behutsam und voller Liebe und Lust damit umzugehen, dann gelingt das Leben zur Freude und zum Guten aller Beteiligten am besten. Sobald dagegen das Körperliche verteufelt wurde, kam nichts Gutes dabei heraus.

 

Uns begegnen in der Bahnhofsmission viele Menschen, die schwer krank daran wurden, sich mit ihren körperlichen und seelischen Bedürfnissen nicht akzeptieren und verwirklichen zu können. Wir versuchen die Menschen darin zu bestärken, sich so zu akzeptieren, wie sie sind: mit ihren Körpern und Orientierungen, in ihrer Vielfalt und in Rücksicht aufeinander.

 

Das Sterbliche verdient liebend gewürdigt zu werden. Das Leben selbst ist etwas Heiliges. Das, was wir tun können, ist es, so wie wir sind, zu lieben und uns in seinen lebendigen Fluss hineinzubegeben mit Geist, Körper und Seele.

 

Ich kann mir vorstellen, getrost zu sein, wenn wir mit Leib und Seele bei ihm daheim sein können, so wie wir sind. Vielleicht gelingt es uns dann sogar, am Ende des Lebens die Kontrolle wirklich abzugeben und uns aufgehoben zu fühlen.  Es ist schön, dass es eine Hoffnung gibt, darauf vertrauen zu können, dass Gottes Richterstuhl uns das Beurteilen abnimmt. Es ist keine weltliche Instanz, sondern eine grundlegend gerechte und alle Tränen werden abgewischt.            

 

Barbara Kempnich

Bahnhofsmission Düsseldorf