12. MAI 2024

Gedanken zum 6. Sonntag nach Ostern

Höre, HERR, meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und gib mir Antwort!" Psalm 27,7

 

Es geht ums Hören in unserem Psalmwort. Der Beter bittet Gott, dass der seine Bitte und Klage hört. Er bittet Gott aber auch um Antwort, will also selbst ein Hörender sein. Nur so kann sich eine lebendige Kommunikation entfalten, die nach vorne bringt und Beziehung ermöglicht.

 

Heute – so gewinnt man den Eindruck – geht es weniger ums Hören als eher darum, dass ich den anderen von meiner Wahrheit überzeuge, weil nur die richtig ist. Und wenn mein Gegenüber meine Auffassung nicht teilt, ist die Zündschnur kurz und es geht schnell in Beziehungsabbruch, Diffamierung, Abqualifizierung oder gar Aggression. Das erschwert derzeit unser politisches und gesellschaftliches Miteinander enorm.

 

Wir sollten tatsächlich mehr das Hören einüben, in der Auffassung, dass der andere mir etwas zu sagen hat, was wichtig ist für das Ganze. Das setzt eine Haltung voraus, dass ich im Gespräch mit anderen auch selbst etwas lernen kann und davon einen Mehrwert erhoffe. Dass ich mich – und wir uns gemeinsam - durch die Perspektive des anderen weiterentwickeln können.

 

„Höre, mein Sohn!“ so beginnt die Ordensregel des heiligen Benedikt von Nursia (ca. 480–547), dem Gründer des abendländischen Mönchtums. Seine Regel ist ein Dokument aus dem 6. Jahrhundert, das die geistliche Tradition nicht nur der Klöster und Orden nachhaltig geformt hat. Gerade den Jüngsten in der Gemeinschaft soll der Abt hören, denn darin zeigt sich die Weisheit der Welt und die Weisheit Gottes.

 

In der römisch-katholischen Weltkirche wird derzeit in der Bischofssynode 2023-2024 versucht, dieses Hören aufeinander und auf das, was Gott uns sagen will, das Unterscheiden der Geister und das gemeinsame Entscheiden als Haltung eines gemeinsamen Gehens der Kirche in die Zukunft (Synodalität) einzuüben und zu etablieren. Man kann nur hoffen, dass das nicht nur eine Mode, ein Feigenblatt oder eine Augenwischerei ist, um von den tatsächlichen Problemen abzulenken und Reformen nicht wirklich angehen zu müssen. Das Hören ist kein Selbstzweck oder Ablenkungsmanöver, sondern muss auch zu mutigen Entscheidungen führen.

 

Wir sollten tatsächlich alle mehr das Hören einüben!

 

 

Hubertus Schönemann

 

 

Dr. Hubertus Schönemann

ist freiwillig Engagierter in der

Bahnhofsmission Erfurt und

1. Vorsitzender des Trägervereins.