"Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder" Psalm 98,1
Liebe Leserin, lieber Leser,
Sie kennen sicherlich viele Beispiele für die wundersame Wirkung von Musik oder Gesang: das beruhigende Schlaflied, mit dem eine Mutter ihr Kind in den Schlaf wiegt, das anrührende „Stille Nacht, Heilige Nacht“, das im Heiligabend-Gottesdienst viele zu Tränen rührt, das kraftvolle „we shall overcome“ der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, das sich gegen pädagogische Demütigung wehrende „Another Brick in the Wall“ von Pink Floyd, oder Whitney Houstons hinreißende Liebeshymne „I Will Always Love You“. Lieder und Musik bewegen uns. Deswegen ist Musikgeschmack hochindividuell. Die Menschen im Gastraum einer Bahnhofsmission werden sich kaum auf eine gemeinsame Musikrichtung einigen können. Aber alle werden sie einen Titel haben, der genau sie in ihrer Situation berührt, der ihnen Mut macht oder Trost spendet. Musik kann heilen.
Der Psalmbeter singt und fordert zum Mitsingen auf, weil er ein unerwartetes Wunder erlebt hat: Gott hat seine Güte gezeigt und sein Volk gerettet. Leid, Unrecht und Zukunftsängste haben ein Ende. Gott ist mit seiner Hilfe spürbar da – wenn das kein Grund zum Singen und Musizieren ist.
Gibt es so etwas heute noch? Wundervolle Wendepunkte, die uns an die Kraft des Guten glauben und davon singen lassen? Hin und wieder ja: Ein Kind wird geboren, jemand findet doch noch eine Wohnung, eine findet ihre große Liebe, eine andere erreicht noch den letzten Zug, einer kann die Drogenerkrankung hinter sich lassen. Wir kennen solche Geschichten. Lassen Sie uns (wenigstens innerlich) ein Loblied anstimmen?
Aber oft genug sträubt sich unser aufgeklärter Verstand auch gegen jegliche Illusion und Wunderglaube. Wir suchen den rationalen Grund hinter dem scheinbar zufälligem Glück - oder wir sehen die Vielzahl an Unrecht, Elend und Ausweglosigkeit. Das bringt uns eher zum Schweigen. Zu Recht. Pausen und Stille sind wichtige Bestandteile von Musik!
Singt dem Ewigen ein neues Lied, heißt dann: Stimmt immer wieder neu, ganz leise das Lied der Zukunft an. Glaubt an die wirksame Macht der Musik. Wer singt, kann leichter an das Gute glauben, als wer nur auf handgreifliche Beweise und harte Fakten aus ist. Singen macht uns (auch physisch) stark, lässt automatisch Atem holen und verbindet uns zu einer Gemeinschaft. All das, was wir neben Gottes Wunderkraft brauchen, um in die Zukunft zu gehen.

Bild von Rob Slaven auf Pixabay

PD Dr. Christine Siegl
Pfarrerin;
Ruhr Universität Bochum, Evangelisch Theologische Fakultät,
Forschungsprojekt „Nächste Hilfe am Bahnhof“
