29. JUNI 2025

Gedanken zum 2. Sonntag nach Trinitatis

"Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! ich werde euch Ruhe geben." Matthäus 11,28

 

Dieses Wort Jesu steht in einem brisanten Kontext, der nicht übergangen werden darf: Es geht um Johannes den Täufer, der zu dieser Zeit im Gefängnis saß. Bereits Johannes hatte Unbequemes verkündet und gelehrt, weshalb Herodes Antipas ihn gefangen nahm. In der faszinierenden Oper „Salome“ von Richard Strauß, nach dem Drama von Oscar Wilde, kann man eine Vision der näheren Umstände und des weiteren Geschehens erfahren, die zu der Hinrichtung des Johannes führten.

 

Jesus, der sich in einer spirituell-prophetischen Linie mit Johannes begreift, preist seinen Täufer als standhaften Zeugen einer Ordnung, die sich über Konventionen und weltliche Autoritätsansprüche hinwegsetzt und sich traut, ihnen zuwiderzulaufen.

Neben Überlieferung und Tradition, auf die Jesus ausdrücklich Bezug nimmt, steht das exklusive und persönlich Erfahrene in mystischer Schau und prophetischer Inspiration.

 

Dass Johannes und Jesus sich aus dieser Berechtigung heraus über etablierte politische Macht und religiös-kultische Strukturen hinwegsetzen, − darin liegt die so verstandene Frechheit, für die sie bestraft und getötet werden.

 

Jesus preist Gott, dass er „die Wahrheit über dein Reich vor den Klugen und Gebildeten verborgen und sie den Unwissenden enthüllt“ hat. Eine Brüskierung von Strukturen der exklusiven Schriftreligion des Judentums, dem Jesus selbst angehörte.

 

Die in aller mystischen Erfahrung seit jeher immer wiederkehrende Formel „oben gleich unten“ bildet in Jesu Rede gleichsam das strukturelle Leitmotiv. Das Gedankenspiel am Rande des Paradox, die Umkehrung des Erwartbaren und die kühne Aufhebung etablierter Ordnungen sind Ausformungen dieses Prinzips, das Jesus befolgt. – Ich meine, mit viel Witz und Freude an der Provokation.

 

In diesen Kontext hinein stellt Jesus die Behauptung seiner Gottessohnschaft, der dann, das Wort von Matthäus 11,28 folgt. Die Einladung zur Annahme für alle Entrechteten und Gequälten ergibt sich so direkt aus seiner besonderen Stellung unter den Menschen und zu Gott.

 

Für uns in der Arbeit der Bahnhofsmission ergibt sich daraus der schöne Auftrag, Anwalt unserer Gäste zu sein gegenüber mächtigen Strukturen, die deren Rechte nicht achten, und gegenüber einer Gesellschaft die sie nicht wahrnimmt. Hier liegt die Annahme aller Menschen begründet, die unsere Arbeit stets bestimmen soll, auch wenn es manchmal schwerfällt. Diese Ansprache Jesu liegt auch der Gastlichkeit in der Bahnhofsmission zugrunde.

 

Die Solidarisierung mit den Gästen am Bahnhof stellt sich so in eine Nachfolge, die uns verpflichtet, nicht zurückzuschrecken vor Autoritäten und verhärteten Strukturen.

 

Leif Murawski

Mitarbeiter der Bahnhofsmission Frankfurt