"Die aber auf den HERRN hoffen, empfangen neue Kraft, wie Adlern wachsen ihnen Flügel. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt" (Jesaja 40,31)
Hoffnung ist ja ein allgegenwärtiges Wort:
Dafür, dass es ein so inflationär gebrauchtes Wort ist, gibt es wenig Anknüpfungspunkte, was Hoffnung konkret ist. Oder könnten Sie mir mal eben sagen, wie man Hoffnung definiert? Mehr...
Dieses Jahr – ein heiliges Jahr – ist vom verstorbenen Papst Franziskus mit dem Titel „Pilger*innen der Hoffnung“ ausgerufen worden. Mit Pilgern kenne ich mich gut aus; da weiß ich ziemlich genau, was das ist. Aber Hoffnung?
Als ich neulich mit einer Gruppe dazu gearbeitet habe, stieß ich auf das Zitat von Simone Weil, einer französischen Philosophin und Mystikerin, die sagte: „Hoffnung ist die Aufmerksamkeit auf das, was nicht ist.“ Das ist immer noch nicht die eindeutige Definition, nach der ich gesucht hatte, aber in diesem Satz liegt anfanghaft verborgen, was Hoffnung meint. Hoffnung fokussiert sich auf etwas, das nicht da ist.
Ich will diesem Satz von Simone Weil noch ein kleines „noch“ hinzufügen: „Hoffnung ist die Aufmerksamkeit auf das, was noch nicht ist.“ In der Hoffnung liegt ja schon die Ahnung, dass da was sein könnte, dass es anders sein könnte, als es gerade ist. Wenn ich z.B. krank bin, dann hoffe ich darauf, gesund zu werden. Die Gesundheit ist noch nicht da, aber ich hoffe auf eben diese.
In einem Artikel von Zeit Doctor mit dem Titel „Wie mächtig die Hoffnung ist“ wurde die Hoffnung von allen Seiten beleuchtet. In medizinischen Studien lässt sie sich geradezu messen. Aber es wird auch deutlich, dass blindes Hoffen auch problematisch sein kann. Der Mediziner und Philosoph Giovanni Maio sagt dazu: „Hoffnung ist dadurch charakterisiert, dass sie die widrige Realität nicht übertüncht, sondern bejaht, aber sich von ihr nicht überwältigen lässt.“
Es geht also gerade nicht um einen rosarot verklärten Blick auf die eigene Wirklichkeit, sondern um die manchmal schmerzhafte Anerkennung dessen, was aktuell da ist, damit werden kann, was noch nicht ist.
Im Alten Testament gibt es zwar den Begriff „Hoffnung“, aber nicht abstrakt, sondern eher als eine konkrete Erwartung, v.a. an den Gott Israels. Im Buch Jesaja heißt es: „Die aber auf den HERRN hoffen, empfangen neue Kraft, wie Adlern wachsen ihnen Flügel. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.“ (Jes 40,31) Ein wunderbares Bild für die Hoffnung: Ein Adler, dem die Flügel wachsen! Hoffnung als ein Zuwachs an Kraft und Kompetenz. Quasi ein „Über-Sich-Hinauswachsen“ oder ein Hinwachsen auf das, was noch nicht ist.
Giovanni Maio meint wohl dasselbe, wenn er davon spricht, dass Hoffnung „ein Offensein für das [ist], was kommen wird und darauf, es bewältigen zu können.“
Mit dieser Definition kann ich sehr gut leben.

Stephanie Feder
Geistliche Beirätin
IN VIA Deutschland e.v.
