"Liebe den Herrn meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat" (Psalm 103,2)
Dieser Vers aus Psalm 103 ist ein Aufruf an uns bzw. an unser Innerstes: „Lobe den Herrn, meine Seele!“ Nicht nur schnell dahingesagt, nicht nur äußerlich, sondern mit allem, was in uns ist – mit voller Seele sollen wir den Herrn loben. Einen Grund dafür benennt der zweite Satzteil, der genauso wichtig ist: „… und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
Wie schnell vergessen wir das Gute! Einmal den Fernseher oder das Radio anschalten, ein Blick in die Zeitung oder die Nachrichtenportale im Internet: Krieg, Wirtschaftskrise Naturkatastrophen, Kriminalität reihen sich Tag für Tag bedrohlich aneinander. Für viele Menschen verdunkelt diese Aneinanderreihung die Seele.
Dabei gibt es so viel Gutes in unserem Leben, das wir leicht übersehen, weil wir es für selbstverständlich halten: Die Gesundheit lässt zu, dass wir aktiv sind; wir haben Familie und Freundschaften und sind nicht allein, täglich gibt es bei uns genügend Essen, wir haben ein warmes Zuhause, die Luft zum Atmen und das Trinkwasser sind nicht vergiftet. Und vor allem: Gottes Liebe, seine Geduld, seine Vergebung ist uns an jedem Tag neu geschenkt.
Vielleicht sollten wir uns an dem Autor dieses Psalms, David, ein Beispiel nehmen: Er schreibt den Psalm nicht nur für andere, sondern zuallererst für sich. Er spricht mit seiner eigenen Seele. Er erinnert sich selbst daran, Gott zu loben. Eine wichtige Aufgabe, vielleicht ganz besonders in unserer schnelllebigen Zeit. Wenn es mir gut geht, nehme ich dies für selbstverständlich. Und wenn es anders ist, dann ist es alles andere als leicht zu danken. Wir müssen uns bewusst dazu entscheiden, Gott zu danken – gerade dann, wenn es uns nicht gut geht oder wir mit Sorgen kämpfen.
Doch genau in diesen Momenten ist es stärkend, zurückzublicken. Erinnern wir uns: Wann hat Gott uns geholfen? Wann hat er unsere Gebete erhört? Wann hat er Wege geöffnet, wo wir keine gesehen haben? Wenn wir anfangen, diese Dinge zu erkennen und uns selbst im Gespräch mit Gott aufzuzählen, dann verändert sich etwas in uns. Dankbarkeit bringt Frieden und richtet unseren Blick wieder nach oben – auf Gott, der größer ist als alle unsere Sorgen.
Der Psalm 103 setzt sich übrigens noch fort: „Der dir alle deine Sünden vergibt und heilet alle deine Krankheiten, der dein Leben vom Verderben erlöst…“ David zählt auf, was Gott Gutes getan hat. Das dürfen wir auch tun. Vielleicht nehmen wir uns heute am Übergang von Sommer zum Herbst ein paar Minuten Zeit, um eine kleine Liste zu erstellen: Was hat der Sommer mir für schöne Erlebnisse und Begegnungen geschenkt? Was hat Gott mir Gutes getan? Was kann ich davon für die kürzer werdenden Tage mitnehmen?
Diese Erinnerung stärkt unser Vertrauen. Sie zeigt uns: Gott war da – und er ist auch jetzt da. Er vergisst uns nicht. Deshalb wollen auch wir ihn nicht vergessen. Lass uns Gott loben, mit ganzer Seele – nicht, weil immer alles perfekt ist, sondern weil er gut ist. Immer.

Ingo Grastorf
Diakonie Deutschland
Vorstand Bahnhofsmission Deutschland e.V.
