07. OKTOBER 2025

Gedanken zum 16. Sonntag nach Trinitatis

"Aller Augen warten auf Dich, und Du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit"  (Psalm 145,15)

 

Bereits in den vergangenen Wochen wurde an vielen Orten begonnen, Erntedank zu feiern und der Psalm zur Wochenlosung erinnert uns diesen Sonntag nochmal besonders daran. Doch irgendwie hatte ich beim Lesen auch einen faden Beigeschmack.

 

Aller Augen warten auf Dich und Du gibst ihnen ihre Speisen zur rechten Zeit.

 

Zur rechten Zeit? Was ist diese rechte Zeit?

 

Wir werden immer öfter konfrontiert mit den erschreckendsten Bildern aus Gaza, doch nicht nur dort, auch im Sudan und so vielen anderen Orten auf der Welt herrschen Hungersnöte. Dort ist die humanitäre Lage aufgrund von Kriegen, Klimawandel und vielem mehr katastrophal. Wo Kinder sterben, medizinische Versorgung kaum bis gar nicht möglich ist, Hilfsgüter nicht immer ankommen. Wie kann Gott das zulassen? Kann ich da für mich noch dankbar sein? Denn die rechte Zeit ist dort nach meinem Gefühl längst abgelaufen.

 

Und auch wenn ich nicht hinnehmen möchte, dass Menschen solches Leid erfahren, muss ich es vielleicht hinnehmen, dass ich nicht die Antwort darauf habe, warum es Leid in dieser Welt gibt, das haben schon viele vor mir versucht. Dennoch kann ich Gott heute und alle Zeit dankbar sein – so wie David in seinem Lobgesang zu Gottes ewiger Güte, aus dem der Psalm stammt.

 

Ich bin dankbar, für die Kraft, die Gottes bedingungslose Liebe uns gibt, um gerade dort nicht wegzusehen, wo Leid besteht, sei es in Gaza, im Sudan, anderswo auf der Welt und auch hier vor Ort. Ich bin dankbar, für die Früchte, die wir immer ernten werden, wenn wir sie durch unsere Worte und Taten säen. Ich bin dankbar, denn ich sehe Gottes Liebe jeden Tag. Es sind nicht immer die großen, sondern gerade die kleinen Dinge – ein besonders schöner Sonnenaufgang, ein Kinderlachen, eine liebevolle Geste von Mensch zu Mensch – in all dem kann ich Gottes Gegenwart spüren. All dies gibt es überall auf der Welt, nicht zuletzt jeden Tag in unseren Bahnhofsmissionen. Die Dankbarkeit in diesen kleinen Dingen des Lebens zu finden, mag eine Kunst sein, in unserer Welt, in der scheinbarer Überfluss und offensichtlicher Mangel in so krassem Widerspruch stehen.

 

Doch so bin ich eine dankbare Optimistin, denn wenn wir voller Hoffnung sind, können wir anderen Hoffnung schenken. Wenn wir gut für uns selbst sorgen, können wir gut für andere sorgen. Wenn wir uns selbst lieben, wie wir sind, können wir auch unsere Mitmenschen lieben, so wie sie sind, weil Gott uns alle liebt. Im Glauben daran, dass alles doch zur rechten Zeit passiert.

Marieke Grupe

Leitung der Bahnhofsmission Bremen