30. DEZEMBER 2025

Gedanken zum Altjahrabend

"Meine Zeit steht in deinen Händen"  (Psalm 31, 16a)

 

Wenn wir an die Zeit denken, dann haben wir oft ein Stundenglas vor Augen. Der Sand rieselt, und so rieselt auch meine Zeit dahin, und ich kann die Zeit nicht aufhalten.

 

Am Ende eines Jahres halten wir inne – und schon wieder ist ein Jahr vorbei.

Silvester, Neujahr, das ist ein Termin zwischen Weihnacht und Epiphanias, zwischen Heiligabend und den Heiligen Drei Königen. Als wenn diese Feste Silvester und Neujahr einrahmen wollen, der vergehenden Zeit einen Halt geben wollen, einen Ort, wo diese vergehende Zeit geborgen wird: meine Zeit in deinen Händen.

 

Vergänglichkeit ist ein uns ständig begleitender Schatten. Doch die eigentliche Bedrohung unseres Lebens ist nicht die Vergänglichkeit. Bedrohlich ist, was uns gleichgültig werden lässt. Bedrohlich ist, wenn wir nicht mehr spüren, wie wir abhängig werden, von dem, was uns zerstört und wir verlernen, menschlich zu sein.

 

Im Stall zu Bethlehem leuchtet es auf, ein großes Ja zum Leben, zu dem Leben, das vergänglich ist, zu dem Leben, das so leicht verletzt werden kann, und doch gerade in seiner Zartheit wahr ist.

Das ist doch die Bestimmung der Zeit, dieses Ja zum Leben sichtbar zu machen. Leben ist Zeit, die man miteinander teilen kann, Zeit, die man schenken kann, Zeit, die erfüllt, mich erfüllt, und so zu meiner Zeit wird. Leben ist Farbe und Tanz, Gesang und Würde, Leben ist, Verantwortung zu spüren, Denken und Phantasie.

 

Gerade wenn wir in der Bahnhofsmission unsere Arbeit machen, wird es uns nicht immer gelingen, dieses große weihnachtliche Ja zum Leben sichtbar zu machen. Doch auch ein kleines Ja zum Leben kann tröstlich und hilfreich sein.

Bei einer Tasse Kaffee ist Würde erfahrbar. Ein Mensch erlebt sich als Gast. Ein Obdachloser nickt für eine Stunde ein und kann schlafen ohne Angst. Niemand wird ihm seine Habseligkeiten stehlen.

 

Zeit bedeutet Vergänglichkeit, doch Zeit ist auch ein Raum, den wir menschlich gestalten können, wo wir deutlich machen: wir ergeben uns nicht, wir stimmen nicht das Lied der Vergeblichkeit an, und wir geben niemanden auf. Gott hält meine Zeit in seinen Händen, weil er mit uns noch etwas vorhat, im Jahr, das vor uns liegt und weit darüber hinaus.

 

 

 

Pfr. i. R. Gerhard Brose

Bahnhofsmission Bonn