Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.
Lukas 18,31
Jesus befindet sich auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Auf seinem Weg Richtung Jerusalem folgen ihm Massen von Anhängern, voll höchster Erwartungen: „Dies ist der prophezeite König Israels! Er ist gekommen, um zu herrschen in Gerechtigkeit, Frieden und Güte“. Alles sieht nach einem Siegeszug aus.
Denen, die ihm am nächsten stehen, vertraut Jesus jedoch an: Jerusalem wird nicht der Ort seines weltlichen Triumphes sein. Sondern der Ort, an dem er gefangen genommen, gefoltert und getötet wird. Ein Ort der Erniedrigung und unvorstellbaren Leidens. Jesus weiß, was ihm bevorsteht. Es liegt in seiner Macht, all dem aus dem Weg zu gehen. Doch er steht zu seiner Aufgabe, zu seiner Verantwortung – auch wenn er dafür einen hohen Preis zahlen muss.
Von seinen Vertrauten erwartet Jesus nicht, dass sie das, was auf ihn zukommt, abwehren. Bedeutend ist ihm aber, dass sie seinen Schmerz tragen helfen: Indem sie zu ihm halten, für ihn beten, ihr Vertrauen nicht verlieren.
Den Schmerz tragen helfen: Nicht selten ist es genau dies, was sich Gäste in der Bahnhofsmission von uns erhoffen. Oft wird im Gespräch deutlich, dass mein Gegenüber gar nicht möchte, dass ich in irgendeiner Weise aktiv werde und dabei helfe, ein Leid aus dem Wege zu räumen. Vielmehr geht es in diesen Fällen darum, jemanden zu haben, dem man sich anvertrauen kann. Jemanden, der zuhört und nicht urteilt. Jemanden, der es einem ermöglicht, alles einmal „von der Seele weg“ zu erzählen. Wir alle wissen, wie gut so etwas tun kann.
Doch dieses Einfach-nur-Dasein kann auch schwierig werden: Wenn Gespräche sich im Kreis drehen. Wenn jemand die immer gleichen Geschichten erzählt. Wenn jemand die Schuld für Probleme immer nur bei anderen sieht. Wenn jemand viel klagt, angebotene Hilfen jedoch grundsätzlich ablehnt.
Zuhören wird mühselig, scheint dem anderen nicht viel zu bringen – und zehrt stattdessen an der eigenen Kraft.
Doch manche Menschen können nicht anders. Das ewige Kreisen um die gleichen Befindlichkeiten scheint ihnen die einzige Möglichkeit, sich mitzuteilen. Dies gilt es erst einmal anzuerkennen.
Dass wir als Zuhörende dem auch Grenzen setzen dürfen, ist unbestreitbar. Wir müssen nicht alles aushalten. Aber wir können signalisieren: Ich bin da. Ich habe Respekt vor dir und dem Weg, den dein Leben nimmt, auch wenn ich manches nicht begreife. Und für diesen kurzen Moment helfe ich dir, deine Angst und deinen Schmerz zu tragen.

Daniela Stumpe
Leiterin der Bahnhofsmission Tübingen
