Der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.
Römer 6,23
Häufiger praktizieren gerade jüngere Menschen den „dry January“, ein Monat ohne Alkohol. Dann kann der Karneval ja kommen. Aber nach den „tollen Tagen“ schließt der Aschermittwoch an und mit ihm die klassische Fastenzeit, 40 Tage lang als Vorbereitung auf das höchste Fest der Christenheit, Ostern. Fastenzeit mit freiwilligem Verzicht auf das ein oder andere, was vielleicht der gesunden Lebensqualität nicht so guttut. In dieser Zeit kann eine wirkliche Chance liegen.
Aber man kann diese Zeit auch noch anders ausrichten. „7 Wochen ohne Härte – für mehr Mitgefühl.“ Dieses Fastenmotto trifft einen Nerv – besonders an Orten, an denen das Leben ungefiltert vorbeirauscht. Bahnhöfe sind solche Orte. Hier kreuzen sich Wege und Schicksale, Hoffnungen und Enttäuschungen, Eile und Stillstand. Und mittendrin: Sie, die Mitarbeitenden der Bahnhofsmission, die Tag für Tag aushalten, zuhören, ausharren, handeln.
Härte zeigt sich an Bahnhöfen auf viele Arten. In den Blicken, die ausweichen. In den Worten, die scharf oder abweisend sind. In den Strukturen, die Menschen durchs Raster fallen lassen. Und manchmal auch in uns selbst: wenn die Geduld dünn wird, wenn die Geschichten sich ähneln, wenn die eigene Kraft nicht mehr reicht. Fasten von Härte heißt deshalb nicht nur, weniger streng mit anderen zu sein – sondern auch mit sich selbst.Mitgefühl beginnt oft leise. In einem offenen Ohr. In einem Becher Kaffee. In der Bereitschaft, jemanden anzusehen, der sonst übersehen wird. Sie wissen: Nicht jedes Problem lässt sich lösen, nicht jede Not wenden. Aber Mitgefühl fragt nicht zuerst nach Lösungen. Es fragt: Was brauchst du jetzt? Und manchmal ist die ehrlichste Antwort: Zeit. Würde. Dasein.
Jesus begegnet Menschen nie von oben herab. Er sieht die Einzelnen in der Menge. Er lässt sich unterbrechen, berühren, ansprechen. Sein Mitgefühl ist kein Mitleid, sondern eine Kraft, die aufrichtet. Eine Kraft, die Grenzen überschreitet – soziale, religiöse, persönliche. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“, sagt er. Das ist kein moralischer Appell zur Selbstüberforderung, sondern eine Einladung, aus einer Quelle zu leben, die tiefer ist als die eigene Erschöpfung.
7 Wochen ohne Härte können eine Übung sein:
Vielleicht heißt das in diesen Wochen, bewusster hinzusehen. Vielleicht auch, bewusster Pausen zu machen. Mitgefühl braucht Grenzen, sonst brennt es aus. Auch Jesus zieht sich zurück, sucht Stille, lässt sich dienen. Ihre Arbeit an den Bahnhöfen ist ein gelebtes Evangelium. Oft unspektakulär, manchmal unsichtbar – und doch von unschätzbarem Wert. Wo Mitgefühl Raum bekommt, wird der Bahnhof für einen Moment zu einem Ort der Menschlichkeit.
Gott segne Sie mit einem wachen Herzen,
das Not erkennt, ohne daran zu zerbrechen.
Gott segne Sie mit sanfter Stärke,
die Härte verwandelt und Grenzen achtet.
Der Gott des Mitgefühls begleite Sie durch diese Fastenzeit
und durch jeden Tag an Ihrem Bahnhof. Amen
Josef Lüttig,
