01. MÄRZ 2026

2. Sonntag der Passionszeit Remininscere ("Gedenke")

Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig (Lukas 10,38)

 

Gerade habe ich das Tagungshaus für die Jahrestagung der Bahnhofsmission gebucht. Wir werden uns im 2027 im „Martas Wittenberg“ treffen. Als Berliner:innen kennen wir auch das „Martas Berlin“ der Stadtmission. Der Name „Marta“ spielt an auf eine Geschichte aus dem Lukusevangelium.

 

Lukas erzählt von zwei Schwestern, Marta und Maria. Als Jesus sie mit seinen Jüngern besucht, sorgt Marta dafür, dass – ich sage jetzt mit meinen Worten – die Wohnung aufgeräumt ist und der Kuchen auf dem Tisch steht. Wörtlich steht da: „Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen.“ Das klingt nach Stress. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass sie sich bei Jesus beschwert, weil die ganze Arbeit an ihr hängen bleibt, während ihre Schwester Maria entspannt zu Füßen ihres Herrn sitzt und seinen Worten zuhört. Jesus‘ Antwort muss für Marta frustierend gewesen sein: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“

 

Ich habe schon oft über diesen Text nachgedacht. Denn ich bin ganz klar eine Marta: Hausfrau, Mutter, Bahnhofsmissionarin. Das ist in puncto Marta-Eigenschaften kaum zu toppen. Ich würde aber behaupten, dass die meisten, die als Haupt- oder Ehrenamtliche in den Bahnhofsmissionen arbeiten, eher Martas sind – oder eben die männliche oder diverse Version davon. Wir sind Kümmerer. Wir helfen, organisieren, versuchen Dinge möglich zu machen. Kurz: Wir machen und tun. Was würden wohl all die Marias tun, wenn die Martas nicht für Essen sorgen und den Müll wegräumen würden? Haushalts- und Carearbeiten sind oft unsichtbar. Auch deshalb fühlt es sich  für Frauen und alle, die im Hintergrund dafür sorgen, dass „der Laden läuft“, ungerecht an, dass Jesus uns Maria als Vorbild hinstellt.

 

Sie merken schon. Die Worte Jesu „schmecken“ mir erst mal gar nicht. Wenn ich mich dann wieder abgeregt habe, sehe ich auch die andere Seite: Ich weiß, dass viele Mitarbeitende in den Bahnhofsmissionen überlastet sind. Gerade weil sie mit ihren Gästen fühlen und ihren Auftrag ernst nehmen, wissen sie oft nicht, was sie zuerst tun sollen. Leicht gerät man so ins Hamsterrad. Dann „funktioniert“ man nur noch, hetzt von einem Termin zum anderen, fühlt sich wie Sisiphos.

 

Da macht es Sinn, zwei Schritte zurückzutreten. Zur Ruhe zu kommen. Sich darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist. Unsere Hilfe, Zuwendung und Liebe wird nie genügen. Wenn es dem einen Gast besser geht, wird der nächste kommen.

 

Jesus hat daher doch recht, wenn er rät, auch mal „fünf Dinge grade sein zu lassen“. Wichtiger ist es, gerade wenn’s stressig wird, sich zu besinnen, um zu sich selbst zu kommen. Das was Maria tut – sich Zeit nehmen zum Zuhören – ist näher betrachtet doch ein guter Rat! Also: Raus aus dem Hamsterrad. Und rein in die Ruhe und Gelassenheit.

 

Dr. Gisela Sauter-Ackermann

Bahnhofsmission Deutschland e.V.

Geschäftsführung