31.MAI 2026

Trinitatis (Dreieinigkeitsfest)

Die Gnade unseres Herren Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. (2. Korinther 13,13)

 

Die Worte aus dem zweiten Korintherbrief wirken wie ein Segensgruß – und zugleich wie ein Gegenentwurf zu vielem, was unsere Gegenwart prägt: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.“

Wir leben in einer Zeit, in der der zwischenmenschliche Umgang oft hart erscheint. Menschen ziehen sich in Meinungsblasen zurück, Debatten werden schneller verletzend, und nicht wenige erleben Einsamkeit mitten unter anderen. Hinzu kommen die großen Unsicherheiten und Herausforderungen unserer Tage: Kriege, soziale Spannungen, die Angst vor dem, was morgen sein könnte.

Paulus setzt dagegen drei Worte: Gnade. Liebe. Gemeinschaft.

Gnade bedeutet: Der Mensch ist mehr als seine Fehler, seine Herkunft oder seine Leistungsfähigkeit. Wer nur nach Nutzen bewertet wird, verliert schnell seinen Platz in der Gesellschaft. Gnade eröffnet einen anderen Blick: Jeder Mensch besitzt Würde – auch der Gescheiterte, der Einsame, der Übersehene.

Die Liebe Gottes meint keine romantische Stimmung, sondern vielmehr eine Haltung, die den anderen nicht aufgibt. Gerade dort, wo Menschen gegeneinanderstehen, braucht unsere Gesellschaft neu die Fähigkeit zuzuhören, Unterschiede auszuhalten und Menschlichkeit nicht vom Erfolg abhängig zu machen.

Und schließlich die Gemeinschaft des Heiligen Geistes: Gemeinschaft entsteht nicht von selbst. Sie wächst dort, wo Menschen einander wahrnehmen, teilen, helfen und hoffen. Bahnhofsmissionen erleben das jeden Tag – in einem Kaffee, einem offenen Ohr, einer kleinen Hilfe, die sagt: Du bist nicht allein.

Vielleicht ist dieser alte Segenswunsch gerade deshalb so aktuell. Er erinnert daran, dass Zusammenhalt nicht aus Angst wächst, sondern aus Gnade, Liebe und gelebter Gemeinschaft.

Diese Gemeinschaft entsteht nicht dauerhaft durch Abschottung, Druck oder das Gefühl permanenter Bedrohung. Tragfähiger Zusammenhalt wächst dort, wo Menschen sich angenommen wissen, wo Würde geschützt wird und wo man erlebt: Ich muss mich nicht zuerst beweisen, um dazuzugehören.

Gerade im Umfeld einer Bahnhofsmission wird das sichtbar. Viele Menschen kommen nicht nur mit materiellen Sorgen, sondern auch mit der Angst, übersehen oder ausgeschlossen zu werden. Ein freundlicher Blick, Zeit zum Zuhören oder praktische Hilfe wirken dann oft stärker als große Worte.

Martin Weimann

Diözesanbeauftragter Bahnhofsmissionen Niedersachsen/Bremen