"Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist." (Lukas 19,10)
Da sitzt der kleinwüchsige Zachäus auf einem Maulbeerbaum und wartet – wie so viele andere Menschen – auf Jesus, der in Jericho einzieht.
Diese Erzählung werde ich immer mit meiner Kindheit und den wundervollen Illustrationen von Kees de Kort verbinden.
Ich erinnere mich an mein kindliches Staunen im Kindergottesdienst: Da kommt Jesus an Zachäus vorbei, sieht hinauf und sagt: „Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“
Zachäus freut sich und ist bereit, die Hälfte seines Geldes mit den Kranken, Armen und Verstoßenen zu teilen. Er wird dadurch nicht viel ärmer, aber die tiefe Freude, die er dabei empfindet, scheint etwas zu sein, das er trotz seines ganzen Reichtums zuvor nicht erfahren hat. Er fühlt sich plötzlich ganz groß und gesehen. „So einfach kann das gehen“, sagte mir mein Kinderglauben.
Zachäus war nicht nur klein von Statur, sondern auch äußerst unbeliebt bei der Bevölkerung Jerichos, da er für die römische Besatzung Steuern eintrieb und sein Reichtum immer größer wurde. Ich stelle mir vor, dass Menschen zynisch über ihn lästerten und mit großem Widerwillen und Abscheu ihre Steuern und Abgaben an ihn zahlten. Ein Handlanger der verhassten Römer.
Ich sehe ihn als einen einsamen Menschen – trotz seines ganzen Reichtums.
Natürlich empörten sich alle, die an diesem Tag in Jericho dabei waren, dass Jesus ausgerechnet zu einem Zöllner nach Hause kommen wollte.
Für Jesus spielt dies keine Rolle: Er sieht den Menschen – egal, was er getan hat, wie er sein Leben lebt, woher er kommt, was er besitzt oder nicht – ohne Vorbehalte.
Er lebt das Evangelium ganz praktisch und einfach, so einfach wie mein Kinderglaube. Und manchmal geschehen dabei kleine oder große Wunder.
Bei meiner täglichen Arbeit in der Bahnhofsmission, im Alltag, vergesse ich das Evangelium oft.
Die Armut, Hoffnungslosigkeit und Traurigkeit unserer Gäste auf der einen Seite – und die immer schamlosere Abscheu gegenüber Menschen, die nichts haben, psychisch beeinträchtigt sind oder am Rande der Gesellschaft leben, auf der anderen Seite: Dieses Spannungsfeld ist manchmal schwer auszuhalten.
Doch dann geschehen plötzlich kleine und große Wunder: Ein Gast bekommt nach jahrelanger vergeblicher Suche endlich eine Wohnung und teilt seine Freude mit uns. Wie aus dem Nichts erhalten wir eine großzügige Spende, mit der wir nicht gerechnet haben. Ein älterer Gast bekommt einen dringend benötigten Pflegeplatz.
Und ich erinnere mich daran, dass meine Arbeit, meine Geduld, meine Hoffnung und – ja – auch mein Kinderglaube manchmal nicht vergeblich sind.

Annette Meyns
Leiterin der Bahnhofsmission
am Berliner Hauptbahnhof
