„Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.“ (Psalm 33)
Manche biblischen Texte erschrecken mich beim ersten Lesen. Dieser Vers aus Psalm 33 gehört dazu. Geht es hier um ein bestimmtes Volk, das überzeugt ist, Gott stehe auf seiner Seite? Im Namen Gottes wurden über Jahrtausende immer wieder Kriege geführt. Auch heute hören wir ähnliche Aussagen – im Osten wie im Westen und besonders in den Konflikten im Nahen Osten. Religion wird dabei genutzt, um Expansion, Herrschaft oder nationalistische Ziele zu rechtfertigen. Das geschieht in christlichen, jüdischen und muslimischen Zusammenhängen ebenso wie dort, wo Religion und staatliche Macht eng miteinander verbunden sind.
Doch Psalm 33 ist ein Lobpsalm. Er preist Gott als Schöpfer und als Herrn der Geschichte. Viele Bibelausleger verstehen diesen Vers heute so: Wahres Heil finden Menschen und Gemeinschaften nicht in Macht, Reichtum oder militärischer Stärke, sondern in der Beziehung zu Gott und im Vertrauen auf sein Handeln.
Der Vers lädt deshalb nicht dazu ein, zu fragen: „Gehört Gott zu meinem Volk?“, sondern vielmehr: „Gehöre ich zu Gott?“ Das ist der entscheidende Unterschied. Nicht Gott gehört uns – wir dürfen zu Gott gehören. Wo Menschen einander offen begegnen und unabhängig von Herkunft oder Lebensgeschichte helfen – etwa in der Bahnhofsmission –, wird etwas von dieser Haltung sichtbar.
Die tiefste Identität eines Menschen gründet nicht in seiner Nationalität, seiner Kultur oder seiner politischen Überzeugung, sondern in seiner Beziehung zu Gott. Zum Volk Gottes gehört man nicht durch die Zugehörigkeit zu einer Nation, sondern durch den Glauben. Zugleich macht Jesus deutlich, dass das Reich Gottes nicht mit einem politischen Staat gleichzusetzen ist (Johannes 18,36).
Psalm 33,12 lädt deshalb nicht dazu ein, Gott für die eigenen Interessen in Anspruch zu nehmen. Er lädt uns vielmehr ein, uns Gott immer wieder neu anzuvertrauen. So kann dieser Vers zu einer Quelle der Hoffnung, der Orientierung und der Gelassenheit werden – gerade in einer vielfältigen und konfliktreichen Welt.

Josef Lüttig
Bahnhofsmission Deutschland e.V.
Vorsitzender
