02. AUGUST 2026

Gedanken zum 9. Sonntag nach Trinitatis                          

„Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“ (Lukas 12,48b)

 

Diese Aussage aus dem Lukasevangelium klingt zunächst streng. Fast so, als würde jede von Gott gegebene Gabe sofort zur Pflicht werden. Doch vielleicht steckt darin vor allem eine freundliche Erinnerung: Was wir können, gehört nie nur uns allein.

 

Denn wer begabt ist, muss andere nicht übertrumpfen. Ein kluger Gedanke, ein aufmunterndes Wort, ein schönes Lied, handwerkliches Geschick, ein geschriebenes Buch, Herzenswärme, Organisationstalent, Humor, Geduld – all das sind keine Auszeichnungen, die ans Revers geheftet werden und mit denen man sich über andere erhebt. Es sind Möglichkeiten, etwas zur Gesellschaft beizutragen. In jeder dieser subjektiven Ausdrücke der Selbstverwirklichung liegt etwas, das andere stärkt, tröstet, inspiriert oder weiterbringt. Begabungen werden erst dann groß, wenn sie nicht in einer abgeschirmten Blase verbleiben, sondern für alle anderen leuchten.

 

So wächst Kultur: nicht durch Arroganz oder Angeberei, sondern durch Weitergabe der eigenen Möglichkeiten, Fähigkeiten und Kulturerzeugnisse. Einer bringt etwas ein, eine andere knüpft daran an, ein Dritter fühlt sich ermutigt. Aus einzelnen Fähigkeiten wird gemeinsames Leben. Aus persönlicher Gabe wird Verantwortung.

 

Der Bibelvers erinnert uns auch daran, dass unser Zusammenleben nicht im luftleeren Raum steht. Viele Werte, die uns selbstverständlich erscheinen, wie Menschenwürde, Barmherzigkeit, Vergebung, Verantwortung für die Schwachen, Hoffnung auf Versöhnung und viele andere Dinge, die basal und positiv für unser Zusammenleben sind, sind über den Lauf der Jahrhunderte tief aus christlichen Quellen gespeist worden. Das Christentum ist unser Kulturträger. Auch dort, wo Kirche heute angesichts vieler Kirchenaustritte nicht mehr für alle dieser vertraute Ort ist, leben diese Bilder und Haltungen weiter: in Gesten der Hilfe, in Feiertagen, in Sprache, Musik, Kunst, und vor allem im alltäglichen Sinn dafür, dass der Mensch mehr ist als ein Leistungsträger und Nutzenerbringer.

 

Vielleicht ist genau das eine positive christliche Grundmelodie für unser Land. Die Melodie ist nicht zu laut, und schließt auch keine Töne aus, auch wenn sie noch so schräg sind, sondern lädt alle ein, ihr zu lauschen und sich von ihr ein Stück weit tragen zu lassen. Sie ist eine gemeinsame Erinnerung daran, dass Freiheit ohne Verantwortung zu einem hohlen Zustand wird und Stärke ohne Mitgefühl zu einem allzu kantigen Stein.

 

Wem viel gegeben ist, der muss also nicht größer tun, als er ist. Aber er darf auch nicht kleiner leben, als er kann. Unsere Gaben sind Einladungen: zum Dienen und zum Gestalten, zum Inspirieren und Inspiriert werden. Und vielleicht beginnt Zivilisation genau dort, wo ein Mensch sagt: Was mir anvertraut ist, soll nicht bei mir allein verbleiben. Es soll anderen zugutekommen.

Jann-Torge Thöming

Diakonie Niedersachsen 

Soziale Arbeit im Gemeinwesen

Referat Bahnhofsmission, Straffälligenhilfe, Ehrenamt