„Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen." (Jesaja 42,3a)
Welches Bild haben Sie vor Augen, wenn es hier heißt: „geknicktes Rohr“? Die Handwerke wissen, dass es beim Biegen eines Rohres dazu kommen kann, dass es abknickt, es unbrauchbar wird. Im Sommer trinke ich meinen Eiskaffee gern mit einem Mehrwegtrinkhalm. Meiner hat so ein Gelenk, dass ich ihn abknicken kann, ohne dass er kaputtgeht. Bei den seit 5 Jahren von der EU vorgeschriebenen Papiertrinkhalmen geht das nicht, die werden dann unbrauchbar.
Dann ist noch ein “glimmender Docht“ im Text erwähnt. Dabei habe ich sofort den Docht einer ausgeblasenen Kerze vor Augen. Die Kerze brennt, leuchtet nicht mehr, aber noch ist da Energie drin. Und es gibt ja solche magischen Geburtstagskerzen, die immer wieder aufleuchten, auch wenn sie ausgeblasen sind.
Das kleinste, kürzeste Wort in unserm Text ist das Wort „ER“. Ich schreibe es hier bewusst groß, als Zeichen meiner Ehrfurcht, meiner Bewunderung und meines Erschreckens vor IHM. In der Bibel wird ganz am Anfang beschrieben, wie ER die Welt erschaffen hat. Dafür bewundere ich IHN! Und gleichzeitig lässt ER zu, dass Rohre abgeknickt werden und Kerzen nicht mehr leuchten. Dafür erschrecke ich vor IHM.
Nun ist die Frage: Was hat das mit unserem Dienst in einer Bahnhofsmission zu tun? In unserer täglichen Praxis haben wir sehr oft mit geknickten, krummen Menschen zu tun. Menschen deren Augen kaum noch leuchten, nur noch glimmen. Und für uns ist es ganz selbstverständlich, dass wir diese geknickten Menschen nicht zerbrechen, sie nicht auslöschen. Im Gegenteil, wir achten ihre Würde in dem wir versuchen, freundlich und zugewandt zu sein. Warum machen wir das? Warum kommen wir immer wieder in den Dienst unserer Bahnhofsmission? Was ist unser Antrieb? Das sind sehr grundlegende Fragen. Und gerade in solch turbulenten Zeiten wie heute müssen wir gerade darüber nachdenken.
Ganz am Anfang der Bibel im 1. Buch Mose, Kapitel 1 Vers 26 steht:
„Dann sprach Gott: Nun wollen wir Menschen machen, ein Abbild von uns, das uns ähnlich ist!“.
In unserem Grundgesetz steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Woher kommt diese Würde? Habe ich sie mir selber oder von anderen Menschen zugesprochen bekommen? Wenn uns unsere Würde von Gott zugesprochen wurde, weil wir IHM ähnlich sind, dann ist klar, dass wir dem anderen Menschen seine Würde nicht absprechen. Weil ER das geknickte Rohr nicht zerbricht, und den glimmenden Docht nicht auslöscht, machen wir, die wir IHM ähnlich sind das in unseren Bahnhofsmissionen auch nicht. Und so leben wir in unseren Bahnhofsmissionen täglich, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Über diese Ähnlichkeit zu Gott freut sich
Constantin Schnee

Constantin Schnee
Leiter der Bahnhofsmission Halberstadt
